Thimphu (dpa/tmn) –
Er schaut von Geldscheinen, Briefmarken und riesigen Plakaten auf sein Volk. Um Jigme Khesar Namgyel Wangchuck wird ein Personenkult betrieben, wie man ihn sonst eher von Diktatoren kennt. Aber der fast schüchterne Gesichtsausdruck des Königs, der in seinem Land den Ehrentitel «Drachenkönig» («Druk Gyalpo») trägt und weithin verehrt wird, will dazu so gar nicht passen. In dem kleinen Himalayastaat Bhutan ist eben vieles anders.
Der König ist ein Star und zugleich bescheiden. In der Hauptstadt Thimphu residiert er mit seiner bürgerlichen Frau Jetsun Pema und drei Kindern nicht im prächtigen Königspalast Tashichho Dzong, sondern in einem einfachen Bungalow nebenan. «Sie führen ein ziemlich normales Leben», sagt Fremdenführer Mani. «Manchmal fährt der König sogar mit dem Fahrrad durch die Stadt.»
Mit etwas Glück – und von dem soll es ja viel geben in dem Himalayastaat, wo der Lebensstandard nicht in Bruttonationaleinkommen, sondern in Bruttonationalglück gemessen wird – können auch ausländische Besucher dem Drachenkönig begegnen. Womit Touristen in jedem Fall in Berührung kommen, das ist der Buddhismus, die offizielle Staatsreligion.
Vor wichtigen staatlichen und königlichen Zeremonien lässt der Hof traditionell von eigens ausgebildeten buddhistischen Astrologen günstige Zeitpunkte bestimmen. Die vielen imposanten Klöster gehören zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Es gibt rund 12.000 Mönche im Land.
Einer von ihnen ist Mynak Trulku. Der aus Tibet geflohene Klosterabt war lange Berater des Königshauses. Er hat die Nationalbibliothek und das Nationalmuseum aufgebaut – als Rentner erteilt er nun gerne Lektionen über Buddhismus.
Wo schon Richard Gere Antworten suchte
In seiner Wohnung hängen Fotos von ihm mit dem Dalai Lama und Promis wie Hollywood-Star und Buddhist Richard Gere, der auch in Bhutan schon nach innerer Ruhe und Antworten suchte. Mynak Trulku beantwortet jede Frage geduldig in fließendem Englisch, wie zahlreiche weitere Mönche, zu denen Touristen problemlos Zugang über Fremdenführer oder Hotels finden. Eine Bezahlung fordern sie nicht, eine kleine Spende für ihr Kloster ist jedoch willkommen.
«Wir haben mehr Mönche als Soldaten», sagt Mani schmunzelnd. Damit Touristen deren Meditation nicht stören und Buddhastatuen und bunte Gebetsfahnen nicht nur als Fotomotive wahrnehmen, waren Pauschalreisen mit Guide samt Fahrer lange obligatorisch. Inzwischen können Ausländer zumindest die Hauptstadtregion auch auf eigene Faust bereisen.
Am einzigen internationalen Flughafen des Landes in Paro empfangen Guides die Gäste, denen oft noch die Knie schlottern. Denn der Anflug durch enge Hochtäler ähnelt ein wenig einer Achterbahnfahrt.
Nur rund 50 Piloten verfügen über eine Lizenz für Landungen in Paro. Am Boden geht die Kurverei weiter über Bergstraßen, die von Hunden, Kühen und Pferden bevölkert sind. Das generelle Tempolimit liegt bei 50 Kilometern pro Stunde. Im Land gibt es keine einzige Ampel. Selbst Fahrten über kurze Distanzen können sich hinziehen.
Fernsehen erst seit 1999
Die Zeit nutzen die Guides für die Geschichte und Geschichten dieses Landes mit seinen extremen Gegensätzen. Während Bauern ihre Felder teils noch mit Ochsen bestellen, zeugen blitzende Neuwagen und der Bauboom in der Hauptstadt von Aufbruch. Im Schatten der fast 50 Meter hohen Buddha-Dordenma-Statue mischen sich dort Leute in Designer-Klamotten unter die in Landestracht.
Natürlich erzählen die Guides auch vom legendären Bruttonationalglück: Dem König liege das Glück seiner Untertanen am Herzen – kostenlose Schulbildung und Gesundheitsversorgung, der Buddhismus sowie Umweltschutz sollen dazu beitragen.
Zudem setzt der junge «Drachenkönig», der 2006 mit 28 Jahren zum jüngsten Monarchen der Welt wurde, die vom Vater eingeleitete Demokratisierung des Landes fort. Obwohl er weiterhin der mächtigste Mann des Landes ist, gibt es inzwischen eine vom Parlament gewählte Regierung. Also alles eitel Sonnenschein in Bhutan?
Nein! Viele junge Menschen wandern wegen mangelnder Jobperspektiven aus, und die Volksdroge Doma – eine fermentierte Betelnuss mit Kalkpaste und Betelblatt – gibt’s legal an jeder Ecke. Doma-Kauen wärmt und euphorisiert – verursacht aber neben stechendem Mundgeruch und rotgefärbten Speichel auch Krebserkrankungen.
Dennoch frönen auch viele Mönche dem Laster – vor allem die älteren. Die jüngeren hängen eher am Smartphone. Seit Bhutan 1999 als eines der letzten Länder Fernsehen und Internet erlaubte, ist der Siegeszug moderner Medien nicht mehr aufzuhalten.
Wie der Hotel-Tourismus nach Bhutan kam
Das lange abgeschottete Bhutan öffnete sich auch dem Tourismus erst spät. Als erste internationale Hotelmarke erhielt Aman 2004 die Genehmigung, in Bhutan tätig zu werden, und eröffnete mit «Amankora» zunächst eine Lodge in Paro. Bis 2007 entstand ein Verbund aus fünf Lodges, die sich zu Rundreisen durch das Land kombinieren lassen. Die Häuser liegen in Paro, Thimphu, Punakha, Gangtey im Phobjikha-Tal und im Distrikt Bumthang.
Damit etablierte Aman früh das heute auch von anderen Anbietern genutzte Lodge-zu-Lodge-Konzept im Bhutan-Tourismus. Inzwischen sind weitere internationale Luxusmarken hinzugekommen, darunter Six Senses, Como Hotels and Resorts und Taj Hotels. Daneben gibt es in Bhutan zahlreiche kleinere Hotels, Mittelklasseunterkünfte und Gästehäuser, oft in der Nähe der Sehenswürdigkeiten.
Die bekannteste darunter ist Paro Taktshang, das sagenumwobene «Tigernest» bei Paro. 900 Meter über dem Talboden scheint das Kloster an einer senkrechten Felsklippe förmlich zu kleben. Seine weißen Mauern und goldschimmernden Dächer sind eingerahmt von knorrigen Kiefern und farbenfrohen Gebetsfahnen.
Der Name Taktshang bedeutet «Versteck des Tigers». Der Legende nach soll ein Guru den Felsen im 8. Jahrhundert auf dem Rücken eines Tigers erreicht und in einer Höhle über Jahre meditiert haben. Ihm wurde das im 17. Jahrhundert errichtete Kloster gewidmet. Dass der Bau gelang, gilt als Wunder.
Schweißtreibend ist heute allein der Besuch noch: Es wartet ein anstrengender Fußmarsch zum Kloster auf rund 3.120 Metern. Für den Aufstieg von rund vier Kilometern sollte man zwei bis drei Stunden einplanen. Zumindest die Hälfte kann man sich auch von Maultieren oder Ponys tragen lassen.
Bogenschießen und Aktivurlaub
Erstaunlich anstrengend ist auch Bhutans Volkssport Bogenschießen, den Touristen in zahlreichen Hotels oder auf einem der vielen Schießplätze kostenlos ausprobieren können. Die besten Schützen sind regelmäßig bei Olympia dabei. Dort schießen sie mit modernen Sportgeräten. Im Stadion von Thimphu greifen sie – natürlich in Tracht gekleidet – zu traditionellen Bögen.
Jedes Wochenende finden Wettkämpfe statt, bei denen das Publikum leidenschaftlich mitgeht. Auch von den Sportlern werden eigene Treffer lautstark bejubelt und Fehlschüsse der Gegner mit spöttischem Gehopse quittiert, das an traditionelle Maskentänze erinnert.
Ohne Publikum, aber nicht weniger aufregend geht es beim Rafting, Radfahren oder Wandern zu. Erst recht auf dem Snowmen Trek, bei dem selbst Trainierten oft die Luft wegbleibt: Die geführte Tour, die Reiseanbieter als «Abenteuer» im Programm haben, gilt als einer der schwierigsten Trails der Welt. Etwa vier Wochen braucht man für die rund 300 Kilometer durch einsame Täler und über elf bis zu 5.320 Meter hohe Pässe.
Im Himalayastaat ginge es noch höher hinaus. Aber Bergsteigen oberhalb von 6.000 Metern ist verboten, um die Götter nicht zu stören. So bleibt der 7.570 Meter hohe Gangkhar Puensum vorerst der höchste unbestiegene Berg der Welt. Bewundern lässt er sich am besten von der Passhöhe des Dochu La auf 3.100 Metern zwischen Thimphu und dem Punakha-Tal, das mit seinem subtropischen Klima im Winter deutlich milder ist als das bitterkalte Thimphu.
Die Aussicht vom Punakha Dzong reicht über Obstgärten und Reisterrassen hinweg bis hin zu den spektakulären Gipfeln am Horizont. Der Königspalast mit Kloster am Zusammenfluss von Pho Chhu und Mo Chhu gilt zudem als schönster in ganz Bhutan.
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: Das buddhistische Königreich Bhutan liegt im östlichen Himalaya. Es lockt mit unberührten Gebirgslandschaften und spektakulären Klöstern.
Beste Reisezeit: In Frühjahr und Herbst ist es meist trocken und klar, so dass die Sicht auf die Himalayagipfel frei ist.
Anreise: Direktflüge mit Druk Air (drukair.com.bt) nach Paro gibt es unter anderem von Neu-Delhi, Kathmandu, Bangkok und Singapur. Verbindungen von Frankfurt oder München aus lassen sich über Air India (airindia.com) buchen.
Einreiseformalitäten: Deutsche Staatsangehörige benötigen für die Einreise nach Bhutan ein elektronisches Visum und einen Reisepass, der bei der Ausreise noch mindestens sechs Monate gültig ist. Die einmalige Visumgebühr beträgt 40 US-Dollar (immi.gov.bt). Die frühere Pflicht zu vorab gebuchten Pauschalreisen mit staatlich festgelegten Mindesttagessätzen besteht nicht mehr. Stattdessen fällt für internationale Reisende eine «Sustainable Development Fee» von derzeit 100 US-Dollar pro Person und Nacht an.
Buchung: Reisen und Unterkünfte können grundsätzlich individuell gebucht werden. Für Besuche von Dzongs, Klöstern und anderen religiösen Monumenten sowie für Touren in bestimmte Regionen und Trekkinggebiete ist jedoch weiterhin ein lizenzierter Guide erforderlich. Deshalb buchen viele Besucher nach wie vor ein individuell zugeschnittenes oder pauschales Arrangement über einen Reiseveranstalter.
Geld: 1000 Ngultrum entsprechen rund 9 Euro (Stand September 2026). In den Städten und größeren Hotels ist Kartenzahlung üblich, ansonsten empfiehlt es sich, Bargeld in US-Dollar oder Landeswährung dabeizuhaben.
Weitere Informationen: visitbhutan.com
