Odeceixe (dpa/tmn) –
Es riecht würzig nach Harz. Dann folgt eine Halbwüste mit Sand in vielen Farben: Weiß, Gelb, Ocker, Orange und Braun. Das Cabo Sardão ist einer der landschaftlichen Höhepunkte des Fernwanderwegs Fischerpfad in Portugal. Die letzten Kilometer dorthin an der Südwestküste des Landes führen durch lichten Kiefernwald.
Und schließlich das Kap: Gut 50 Meter stürzen Schieferklippen hinab zum Atlantik. An manchen Stellen haben die Erdkräfte die schwarzen Platten senkrecht aufgestellt. Der historische Leuchtturm gibt der Schifffahrt 23 Seemeilen (42,5 Kilometer) aufs Meer hinaus Signale.
Portugal – so sagt man – liege mit dem Rücken zu Europa, und am Cabo Sardão versteht man diesen Spruch. Hier liegt das Wasser vor einem, kaum etwas lässt an das kontinentale Europa denken. Im Atlantischen Ozean warten die Schätze des Meeres. Hinter dem Horizont liegen Madeira und die Azoren, die zu Portugal gehören, frühere Besitzungen wie Brasilien.
Alentejo heißt dieser Küstenabschnitt (jenseits des Tejo aus Sicht der Hauptstadt Lissabon) oder auch Costa Vicentina. Die regionale Marketing-Kooperative Rota Vicentina hat das Gebiet mit zwei Fernwanderwegen erschlossen: Der «Historische Weg» (Camino Histórico) führt durch das Binnenland. Der «Fischerpfad» (Trilho dos Pescadores) verläuft an der Küste von São Torpes im Alentejo in 13 Etappen und 226,5 Kilometern nach Lagos an der Algarve. Dazu gibt es kürzere Rundwege; zuletzt hat Rota Vicentina auch Radrouten eingerichtet.
Bis auf die heißen Sommermonate hat der Fischerpfad rund ums Jahr Saison. Er bietet Klippen und weiße Strände, versteckte Fischerhäfen, kleine Ferienorte, eine abwechslungsreiche Pflanzenwelt – und immer wieder den Ausblick aufs Meer. Deshalb ist der Weg seit Einrichtung 2013 immer populärer geworden. 2022 zählte Rota Vicentina auf ihren Wegen 32.000 Wanderer; drei von fünf liefen auf dem Fischerpfad.
Hummerreusen und Heldenlegenden
Meist wird der Weg von Nord nach Süd gewandert: links die Küste, rechts das Meer. Für genauere Orientierung sorgt die zuverlässige Beschilderung mit dem grün-blauen Balken. Seinen Namen hat der Fischerpfad von den schmalen Trampelpfaden der Einheimischen zu ihren Bootsanlegern oder Angelstellen. Ein solcher versteckter Fischerhafen ist Entrada da Barca.
Hummerreusen stapeln sich, Netze trocknen. Im stillen Wasser der Bucht scheinen die ankernden Boote wie in der Luft zu schweben. Ein Fischer nimmt Fische aus. Köpfe, Schwänze und Innereien wirft er den Möwen zu. Der Fang war so reichlich, dass die aufgeregt kreischenden Vögel schnell still werden.
Jenseits der Häfen balanciert der Weg meistens oben auf den Klippen. Und dort ist der Untergrund nicht etwa hart, auf dem Fels erheben sich hohe Sanddünen mit Gebüsch. Über viele Kilometer geht es auf und ab durch tiefen, losen Sand. Das Gehen ist mühsam; wo man sonst einen Wanderschritt macht, sind es hier zwei Trippelschritte. Diejenigen, die mit Stöcken wandern, schwören darauf, dass sie damit besseren Halt haben.
Der feine Sand dringt in die Wanderstiefel ein. Gamaschen helfen nur bedingt. Wer seiner Übernachtungsstätte Gutes tun will, leert vorher am Ortsrand die Stiefel aus. Doch die Sandpassagen sind der Stoff, aus dem abends bei Bier oder Wein Heldenlegenden gestrickt werden.
Im Frühjahr ist die Alentejo-Küste ein Farbenmeer verschiedener Blüten. Der Herbst bietet andere Schönheiten. Wo die Mittagsblume wächst, färben sich große Flächen rostrot – wie in Deutschland die Heide. Dieser zugewanderte Bodendecker schützt viele Küsten Spaniens und Portugals vor Erosion. Die trockenen Blätter werden erst orange, dann rot und violett.
Manchmal läuft man vorbei an schwarzen Büschen, die wie eine Trauergesellschaft wirken. Das ist die Lack-Zistrose, deren Blätter sich zum Schutz mit dunklem, würzigem Harz überziehen. An anderen Stellen ist der Weg durch das Dickicht der aus Australien eingeschleppten Langblättrigen Akazie gebahnt.
Baden bis in den Herbst
Jeder Wandertag bringt neue breite Sandstrände. Man tut gut daran, sich Zeit und Kraft auch nach möglichen Badepausen einzuteilen. Ein Abstecher führt an den Strand Praia da Amália, benannt nach der Fado-Sängerin Amália Rodrigues (1920-99). Die «Königin des Fado», des schwermütigen portugiesischen Chansons, hatte an der Küste ein Landhaus. Heute ist der weiße Bungalow eine noble Ferienunterkunft.
Aber Amálias Strand ist frei zugänglich. Aus der Höhe führt der Weg durch ein Bachtal voll blauer Prunkwinden. Unten kann man ins Wasser springen, wo früher die Diva badete. Der Atlantik ist bis weit in den Herbst warm genug, aber immer eine Erfrischung. An unbewachten Badestellen ist Vorsicht geboten: Ebbe und Flut wirken, die Ozeanwellen entwickeln große Kraft, es kann unerkannte Strömungen geben.
Ein anderer großartiger Bade- und auch bei Surfern wegen der Wellen beliebter Strand ist die Praia de Odeceixe an der Mündung des Flusses Ribeira de Seixe. Die Kleinstadt Odeceixe liegt ein Stück flussaufwärts. Ihr Wahrzeichen ist eine weiße Windmühle – ein Museum, doch das Mahlwerk funktioniert noch.
Es gibt vom Fischerpfad nicht viele Einblicke in das Leben auf der Landseite. Aber wenn, dann sind Wein, Orangenplantagen, Gemüsefelder oder weite Viehweiden zu sehen.
Gemeinschaftsgefühle statt Einsamkeit
Sucht man in Wanderforen nach kritischen Worten über den Fischerpfad, wird vor allem eines genannt: die große Zahl an Wanderern. Morgens machen sich viele Touristen zugleich auf den Weg. Doch nach einiger Zeit zieht sich das Feld auseinander, ab dann kann man durchaus allein wandern, aber richtig einsam wird es nicht. Dafür findet man leicht Anschluss.
Die Vorteile für die regionale Wirtschaft betont die Marketing-Kooperative Rota Vicentina: Seit 2013 habe das Netzwerk der Wanderwege 1.300 direkte Arbeitsplätze in kleinen und mittleren Familienbetrieben geschaffen und weitere 500 Jobs bei Zulieferern. Zudem trage es zu einem saisonunabhängigen Tourismus in der Region bei.
«Das Hauptproblem bei zu vielen Menschen auf den Wegen ist die Belastbarkeit der Ökosysteme – insbesondere auf dem Fischerpfad, der durch hochsensible Dünensysteme führt», sagt Marketingchefin Martina Tosi. Man beobachte, dass mehr Müll zurückgelassen werde. Auch hielten sich nicht alle Gruppen an die Begrenzung auf 15 Personen.
Rücksicht auf die Natur ist obligatorisch
«Der Weg wurde als einspuriger Pfad angelegt», sagt Tosi. Doch weil das Gehen im Sand so mühsam ist, weichen viele Wanderer auf bewachsenen Grund aus. «Die Folge sind Erosion, Vegetationsverlust und die Entstehung paralleler Pfade, die den Lebensraum weiter zerschneiden und die Ausbreitung invasiver Arten begünstigen.»
Wer also den Fischerpfad genießen will, ist gebeten, Rücksicht auf die Natur zu nehmen. Wäre ja schade, wenn der Trilho dos Pescadores Opfer seines eigenen Erfolgs würde.
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: Der Fischerpfad («Rotavicentina.com/de/fischerpfad») verläuft an der Südküste Portugals zwischen auf 226,5 Kilometern in 13 Etappen, die je nicht länger als gut 20 Kilometer sind. Meistbegangen sind die vier Etappen zwischen Porto Covo und Odeceixe.
Reisezeit: September bis Juni. Im Oktober können die Wassertemperaturen noch bei rund 20 Grad liegen, im November oft schon deutlich darunter. In den Wintermonaten ist bei starkem Wind sowie Nässe auf steilen Abschnitten Vorsicht geboten.
Anreise: Flug nach Lissabon oder Faro, von dort mit Bussen zu den Startpunkten.
Unterkünfte: Hotels, Pensionen, Hostels und Zeltplätze. Reiseveranstalter bieten Buchung der Unterkünfte und Gepäcktransport an. Angebote unter «Rotavicentina.com/de/unterkunft».
Weiterführende Informationen: «Visitportugal.com»; «Visitalentejo.pt»
