Tirana (dpa) –
In Albanien gehen die gewaltsamen Proteste junger Menschen gegen Missstände im Hochschulwesen und gegen die Regierung in den dritten Tag in Folge. Nach ersten Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstrierenden in der Hauptstadt Tirana weiteten sich die Ausschreitungen am Donnerstag auf drei weitere Städte in dem EU-Kandidatenland aus. Das Parlament in Tirana vertagte wegen der Gewalt auf den Straßen vorsichtshalber eine für Donnerstag geplante Plenarsitzung auf kommende Woche.
Ministerpräsident Edi Rama bezeichnete die Proteste als Werk der Opposition, die verhindern wolle, dass Albanien ein Beitritt in die EU gelinge. Sie versuche mit «Feuern und Eisen», Albanien in den Abgrund zurückzubringen, aus dem alle das Land herausgezogen hätten, erklärte der Sozialist, wie Medien in Tirana berichteten – und von dem aus man den «historischen Gipfel» erklimme, den «Traum aller Albaner über Generationen hinweg – die EU».
In Tirana versuchten Demonstrierende am Donnerstag erneut, sich dem Bildungsministerium zu nähern, worauf die Polizei mit Tränengas reagierte. In der Stadt Korca warfen die Protestierenden Medienberichten zufolge Steine und Molotowcocktails auf Schulen. Zu weiteren Protesten kam es in den Städten Durres und Lushnja. Während der vergangenen zwei Tage wurden in Tirana insgesamt fast 100 Polizisten verletzt und mehr als 100 mutmaßliche Randalierer festgenommen. Im Zentrum Tiranas hatten Randalierer unter anderem eine Bank und Räume einer Universität verwüstet.
Der Zorn der Studierenden richtet sich gegen schlechte Studienbedingungen, hohe Ausbildungskosten und fehlende berufliche Perspektiven. Die Demonstranten forderten aber auch den Rücktritt des sozialistischen Ministerpräsidenten Rama, der seit 2013 in dem Balkanland regiert.
Seit Monaten sich verstärkender Unmut gegen Ministerpräsidenten
Der allgemeine Unmut gegen Rama und gegen die gesamte politische Führung hatte sich bereits vor Monaten verstärkt, als bekannt wurde, dass die Regierung ein Immobilien-Projekt in einem Naturschutzgebiet an der albanischen Adriaküste unterstützt, hinter dem Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, steht. Die seither täglich laufenden Protestdemonstrationen sind als «Flamingo-Revolution» bekannt, weil in dem Naturschutzgebiet auch Flamingos leben.
Albanien verhandelt inzwischen relativ fortgeschritten über einen EU-Betritt. Viele seiner Bürger empfinden zugleich die politischen Eliten als gierig, korrupt und inkompetent.
