Herzogenaurach (dpa) –
Der Auto- und Industriezulieferer Schaeffler verschärft seinen Sparkurs mit Standortschließungen und dem Abbau mehrerer tausend Stellen großenteils in Deutschland. Das Unternehmen will insgesamt fünf europäische Standorte aufgeben, davon vier in Deutschland: in Dortmund, Berlin, Morbach in Rheinland-Pfalz und dem hessischen Schwalbach, wie Schaeffler in Herzogenaurach mitteilte. Nach den Sparprogrammen der vergangenen Jahre sollen noch einmal 3.460 Stellen abgebaut werden, davon 2.660 in Deutschland. IG Metall und Konzernbetriebsrat kritisierten die neuerlichen Ankündigungen scharf und warfen der Unternehmensspitze vor, den Standort Deutschland zu schwächen.
Vorstand fordert temporären Gehaltsverzicht und will bei sich selbst anfangen
Die Sparmaßnahmen sollen nach Angaben eines Sprechers im Wesentlichen bis Ende 2028 umgesetzt werden, der Abschluss ist für 2029 vorgesehen. Der Schaeffler-Vorstand begründet die weiteren Einschnitte mit der Automobilkrise in Europa und hohen Kosten. In den ersten neun Monaten dieses Jahres ging der Umsatz auf 17,5 Milliarden Euro leicht zurück. Der Konzern war mit einem Nettogewinn von elf Millionen Euro nur knapp in den schwarzen Zahlen. Vor einem Jahr hatte Schaeffler allerdings noch 244 Millionen Euro Verlust gemeldet. Ergänzt werden sollen Stellenabbau und Standortschließungen durch einen temporären Gehaltsverzicht der verbleibenden Belegschaft. Dieser «Solidaritätsbeitrag» soll sogar wichtigstes Element des Sparprogramms sein. Der Vorstand will auf zehn Prozent seines Gehalts verzichten, wie Vorstandschef Klaus Rosenfeld RTL/ntv sagte.
Vom Auf- zum Abbau
Der Stellenabbau der vergangenen Jahre setzt sich nun fort. Schaeffler hatte Anfang 2024 den Konkurrenten Vitesco übernommen, womit die weltweite Mitarbeiterzahl zunächst von gut 83.000 auf 115.000 Ende 2024 stieg. Im selben Jahr beschloss der Vorstand den Abbau von zunächst 4.700 Arbeitsplätzen auf freiwilliger Basis bis 2029, vor wenigen Wochen folgte ein Altersteilzeitprogramm mit 1.800 geplanten Stellenstreichungen. Ende September beschäftigte Schaeffler in Deutschland noch 31.957 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gemessen an dieser Zahl wird die heimische Belegschaft nach den Zahlen des Unternehmens somit um 18 Prozent – nahezu ein Fünftel – schrumpfen.
«Wer immer neue Abbauprogramme auflegt, Standorte schließt und die Personalkosten senken will, stärkt den Standort Deutschland nicht, sondern schwächt ihn», kritisierte Uli Schoepplein, der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats.
Verbrennerautos verkaufen sich immer schlechter
Woran liegt’s? Schaeffler ist in vier Geschäftsbereichen aktiv: Größte Sparte ist das Geschäft mit Komponenten für Motoren, Getriebe und Fahrwerk sowohl herkömmlicher als auch elektrischer Autos. Die Umsätze in diesem Bereich sinken, daher treffen die geplanten Stelleneinsparungen zu einem beträchtlichen Teil diese Sparte.
Zulieferer sind abhängig von den Autoherstellern
Doch steht Schaeffler nicht isoliert im Raum. Das Geschäft hängt von den großen Autoherstellern ab. Die Stimmung in der deutschen Autoindustrie ist düster. Sparen VW oder BMW, sind die Zulieferer häufig erste Leidtragende. Denn die Autohersteller versuchen dann, die Preise für zugelieferte Teile zu drücken oder lehnen zumindest Preiserhöhungen ab.
Ein übermächtiger neuer Konkurrent, der nicht mehr verschwindet
Hinzu kommt das Sonderproblem China. Der Aufstieg der chinesischen Autoindustrie hat die Lage der deutschen Unternehmen innerhalb eines Jahrzehnts grundlegend verändert. 2015 spielten chinesische Firmen noch eine untergeordnete Rolle auf dem Weltmarkt, 2025 exportierten die Hersteller aus der Volksrepublik bereits an die acht Millionen Autos. Allein das bedeutet für deutsche Unternehmen, dass die goldenen Zeiten nicht wiederkehren werden – wie viele in der Branche sagen. Denn die chinesische Autoindustrie wird nicht mehr verschwinden.
China exportiert Millionen Autos – und mörderischen Preiskampf
Die deutschen Hersteller – und mit ihnen die Zulieferer – verloren zuerst in China große Marktanteile, weil chinesische Kunden mittlerweile bevorzugt chinesische Elektroautos kaufen. Mittlerweile erodieren die Marktanteile der deutschen Hersteller jedoch auch in anderen Ländern, ein Ende des Prozesses ist nicht abzusehen. Viele chinesische Autohersteller sind trotz hoher Subventionen nach den gigantischen Investitionen der vergangenen Jahre bis über beide Ohren verschuldet, die Produktionskapazitäten bei weitem nicht ausgelastet.
Folge ist, dass die chinesischen Firmen nicht nur Autos in die Welt exportieren, sondern auch ihren mörderischen Wettbewerb mit den entsprechenden Kampfpreisen. In China selbst läuft die Autokonjunktur schlecht, die Absatzzahlen sind gesunken. Ein vergleichbares Sparprogramm dort plant Schaeffler nicht. Die Arbeitsmärkte in China seien wesentlich flexibler, und die Personalkosten deutlich unter dem Lohnniveau in Deutschland, sagt ein Sprecher.
Arbeitnehmer fordern ein Zukunftskonzept für Deutschland
Das Unternehmen habe ein «detailliertes Abbaukonzept für Deutschland» und zugleich eine globale Wachstumsstrategie vorgelegt, sagte Thomas Höhn, der Unternehmensbeauftragte der IG Metall für Schaeffler. «Was fehlt, ist die Verbindung zwischen beidem: eine konkrete Antwort darauf, welche Produkte und Technologien künftig in Deutschland entwickelt und gefertigt werden, wo investiert wird und wie viel Beschäftigung Schaeffler hier bis 2030 sichern will.»
