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Steppe, Salzseen, Safari-Feeling: Österreichs wilder Osten

Frauenkirchen/Illmitz (dpa/tmn) –

Gerade noch wollte sich Manuel Böck dem Feld-Mannstreu am Wegesrand widmen. Wollte erklären, was es mit dem Spitznamen der Pflanze auf sich hat. Doch dann wird der Mann in der dunklen Rangerkleidung, eigentlich die Ruhe selbst, hektisch. «Wir haben wahnsinniges Glück, da kommen sie!» Böck springt auf und zeigt Richtung Sonnenuntergang.

Vor rot-orangenem Horizont erstreckt sich eine flache goldbraune Ebene, von buschigen Eichen und Ölweiden durchsetzt. Als Schemen sind die fernen Gipfel der Alpen zu erahnen, darunter der Schneeberg, deren östlichster Zweitausender. Irgendwo geht ein gräulicher Regenschleier nieder.

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Helle Punkte bewegen sich davor, sie kommen näher. Sie sind der Grund für Böcks Aufregung. Bald erkennt man mächtige Hörner: Es sind Steppenrinder, zu Dutzenden.

Die Tiere trotten in der kargen Landschaft heran. Durch die Feldstecher, die Böck ausgeteilt hat, lassen sie sich genauer betrachten: schwarze Augen, Schnauzen im weiß-grauen Gesicht, eine schlanke Gestalt und nach oben gebogene, lange Hörner. Die Eltern, die Kinder, sie sind fasziniert.

Afrika-Gefühle im Burgenland

Um die Szene an diesem warmen Abend in der Ebene östlich des Neusiedler Sees im Burgenland perfekt zu machen, tauchen auch noch die dunklen Rücken der dort lebenden Wasserbüffel auf. Und ganz nebenbei haben die Weinhähnchen mit ihrem Konzert begonnen: Ihr wiederkehrendes Zirpen erfüllt die Luft. Das typische Grillengeräusch ertönt, wenn das Insekt seine Flügel aneinander reibt. «Die Leute bekommen hier immer Afrika-Gefühle», sagt Manuel Böck. Man kann es nachempfinden, auch wenn statt Erdmännchen gerade noch zwei mampfende Feldhasen für Verzückung sorgen. 

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Und Böck hat recht, wenn er sagt: «Das ist ein Österreich, wie man es sich nicht vorstellt.». Ein Landstrich, der in die pannonische Steppenlandschaft übergeht, der jedes Klischee, das über die sogenannte Alpenrepublik kursiert, Lügen straft. Hier scheint die Sonne mehr als 2.000 Stunden im Jahr, Touristiker sprechen von 300 Sonnentagen. 

Der Seewinkel ist die wärmste und trockenste Ecke Österreichs, in der – bei der Ortschaft Apetlon – auch der «tiefste gemessene Punkt Österreichs» liegt: 114 Meter über Seehöhe, wie ein einsames Schild verkündet. 

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Stilecht im alten Landrover auf «Safari»

Eine findige Geschäftsidee hatten die Verantwortlichen vor ein paar Jahren in der «St. Martins Therme & Lodge». Sie nannten die Exkursionen mit Rangern wie dem Biologen Manuel Böck im nahen Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel «Safaris». Das Hotel – mit 194 Zimmern, Saunen und Pools – liegt, wenn auch farblich zur Steppe passend in Beige gehalten, indes eher wie ein riesiger Fremdkörper an einem künstlichen kleinen See in der Landschaft. 

Auf seiner Tour mit der vierköpfigen Familie, stilecht an Bord eines alten Land Rover Defender mit klapprigen Türen, glänzt Böck mit Wissen. Auf jede Frage hat er eine präzise, kindgerechte Antwort. Beispiel: Das Thema Spinnen umtreibt die Söhne mit Grusel und Neugier, seit die Familie gelesen hat, die Südrussische Tarantel sei heimisch im Seewinkel. «Werden wir eine sehen? Wäre das gefährlich?», fragen sie, während der Geländewagen über eine Schotterpiste rumpelt und einen Steinkauz aufscheucht.

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Im Sommer stünden die Chancen eher schlecht, aber im Herbst gingen die Männchen auf Wanderschaft, um Weibchen zu finden, antwortet er. Dann könne man die Spinne mit etwas Glück entdecken. «Die leben schon immer hier. Dass aber jemand gebissen wurde, davon habe ich noch nie gehört.»

Die Steppe ist auch menschengemacht

Nicht schon immer sah der Seewinkel so aus wie heute. Natürlich gewachsen wirken die Sand- und Trockrasenflächen, doch es handele sich um «eine 800 Jahre alte Kulturlandschaft», erklärt Böck. Nicht nur dort, wo Weinreben wachsen, Amaranth auf den Äckern gedeiht oder ein gelb-strahlendes Sonnenblumenfeld knopfdruckartig die Laune hebt. Dass die Landschaft östlich des Neusiedler Sees heute umso mehr wie eine Savanne wirkt, liegt auch am Menschen: «Hier war einst Eichenwaldsteppe.» Im Mittelalter seien die Bäume großflächig gerodet worden, durch Beweidung wurde sie offen gehalten.

Auch die Ungarischen Steppenrinder leben nicht so romantisch wild, wie man meinen mag. Sondern eher halbwild. Sie ziehen über die riesigen Weiden im länderübergreifenden Naturraum, der sich bis in die Puszta Ungarns erstreckt, knabbern an Büschen und halten das Schilf am Neusiedler See im Zaum. Sie dienen damit der Landschaftspflege. Als Haustiere, die sie strenggenommen sind, sind sie auch Lieferanten eines exklusiven Fleisches, das Hotels und Restaurants der Gegend manchmal als Delikatesse auf der Karte haben.

Und die Wasserbüffel? Sie gehen auf asiatische Hausbüffel zurück, Nachfahren wilder Wasserbüffel, deren historische Wurzeln vermutlich bis in die Zeit vor den Osmanen zurückreichen. Auch sie fressen sich durch die Landschaft, halten Uferbereiche offen und bewahren so wichtige Lebensräume.

Ein Mekka für Vogelbeobachtungen

Aus Gründen wie diesen hört Lukas Vendler vom Nationalparkzentrum Illmitz den Begriff «Safari» nicht so gern. «In Afrika auf Safari zu gehen, ist was ganz anderes.» Der Begriff wecke «falsche Erwartungen», sagt der Ranger, wenngleich auch er für die Natur brennt. Auf Morgentouren im Elektrokleinbus teilt er ebenfalls teure Ferngläser aus.

Auf einem hölzernen Steg geht es mitten in den breiten Schilfgürtel am Südostufer des Sees – bis zu einer auf Pfählen im Wasser stehenden Hütte. Vendler schließt die Tür auf und klappt innen die hölzernen Fensterläden nach unten. Es öffnet sich eine Welt, in der es schnattert und piepst und plätschert. Vor der Hütte tobt das gefiederte Leben.

Zuvorderst ein Stelzenläufer, der seinem Namen alle Ehre macht. «Er ist der Vogel mit den längsten Beinen im Verhältnis zum Körper», sagt Vendler. Eine Flussseeschwalbe flirrt umher, Löffler gleiten weiter oben. Ein Rotschenkel zeigt sich, der hauptsächlich in den Steppen und Wüsten Asiens vorkommt.

Zur Vogelbeobachtung zieht es Reisende aus ganz Europa in den Seewinkel, wo laut Vendler bislang 370 Vogelarten registriert wurden. «Wir haben dreistündige Führungen, wo wir 70 bis 80 Arten sehen.»

Wobei auch der Klimawandel eine Rolle spielt und Gewinner hervorbringt. «In den Bergen verschwinden Lebensräume. Für die Vögel entstehen am See neue», so Vendler. 2019 habe für drei Wochen ein Pelikan Station gemacht. Und bei den Kuhreihern, die in Afrika-Dokus gern auf Büffeln sitzen, gehe man davon aus, dass sie bald im Seewinkel brüten.

Bedrohte Sodaseen

Lukas Vendler ist mit seinen Gästen bis zum Darscho (auch: Warmsee) gefahren, der selbst den Ranger an «ein Wasserloch in der Serengeti» erinnert. Die glitzernde Fläche des Salzsees wirkt wie eine Fata Morgana im flachen Land, in dem, auch sie schemenhaft, im Osten die Gipfel der Karpaten zu erahnen sind. «Hier beginnt die Eurasische Steppe», sagt der Ranger, «sie reicht 7.000 Kilometer weit bis in die chinesische Mandschurei.»

Die in der Umgebung lebenden Säugetiere wie Ziesel, Feldhamster, Steppeniltis oder das steppentypische Przewalskipferd trinken am Darscho zwar nicht, das Wasser ist zu salzig. Dafür aber ist die Landschaft der Salzlacken ein weiteres Paradies für die Vogelwelt, das Vendler aufgesucht hat, um der Familie noch den am Rande der flachen Sodaseen brütenden Säbelschnäbler zu zeigen. Die schwarz-weißen Vögel mit dem nach oben gekrümmten Schnabel picken in Scharen im flachen Weiß herum. 

«Das ist der Vogel der Lacken. Er frisst Urzeitkrebse», sagt Ranger Vendler und kramt ein durchsichtiges Döschen mit einem präparierten Krebs-Exemplar hervor. Die Art gab es hier schon zur Zeit der Dinosaurier.

Der Lebensraum ist aufgrund niedriger Grundwasserstände von Versüßung bedroht. Der Ranger zeigt ein Schaubild, das nichts Gutes erahnen lässt: Rund 140 Sodalacken gab es im Seewinkel vor 200 Jahren noch, heute sind es nur noch 30. Mit gemischten Gefühlen geht die Nationalparktour zu Ende. Da entdeckt auch Vendler einen Feld-Mannstreu.

Die Legende um den Feld-Mannstreu

Die stachelige Pflanze heißt laut einer Volkserzählung so, weil sie von Bauersfrauen genutzt wurde, um ihre Männer zu kontrollieren. Sie legten sie unter die Bettdecke, und wenn der Mann spät nach Hause kam und sich in die Federn schleichen wollte, ging das nicht ohne Aufschrei ab.

Interessanter findet Vendler die Merkmale der Pflanze: «Sie wächst rund in Ballform und hat hier», er zeigt auf einen Stil, «eine Sollbruchstelle». Hier bricht der Feld-Mannstreu und rollt im Wind wie das Tumble Weed aus den amerikanischen Western-Filmen durch die Weite der Landschaft, um seine Samen zu verteilen: «Er ist ein Steppenroller.» 

Reiseziel: Der Seewinkel gehört zum Bundesland Burgenland und erstreckt sich östlich des Neusiedler Sees bis zur ungarischen Grenze. Der österreichische Nationalpark Neusiedler See–Seewinkel setzt sich auf ungarischer Seite im Fertő–Hanság-Nationalpark fort. Die Region ist teils als Unesco-Welterbe geschützt.

Anreise: Mit dem Auto dauert die Fahrt über Tschechien (und je nach Route auch die Slowakei) ab Berlin mindestens sieben Stunden, ab Köln etwa neun und ab München fünf Stunden. Anreise mit der Bahn über Wien, von wo Regionalzüge in etwa 40 Minuten in die Region fahren (bahn.de; oebb.at). 

Reisezeit: Der Seewinkel zählt zu den heißesten Gegenden Österreichs, im Sommer kann es mit Werten um 40 Grad sehr heiß werden. Bis Ende Oktober sind die Tagestemperaturen mit etwa 15 bis 20 Grad angenehm. Der Herbst ist eine besonders gute Zeit für Vogelbeobachtungen. 

Touren: Geführte Touren im Nationalpark, darunter auch Familienexkursionen im Herbst, sind teils kostenlos oder kosten regulär zwischen 16 und 35 Euro, Kinder zahlen die Hälfte (nationalparkneusiedlersee.at). Die zweieinhalbstündige «Große Familien-Entdeckertour» der St. Martins Therme in Frauenkirchen kostet 33 Euro pro Erwachsenem, Kinder zahlen 24 Euro (stmartins.at/safariangebote).

Weitere Infos: neusiedlersee.com; burgenland.info