Wiesbaden (dpa) –
Die deutsche Wirtschaft ist trotz hoher Belastungen durch den Iran-Krieg und das Niedrigwasser im Sommer überraschend gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im dritten Quartal um 0,2 Prozent zum Vorquartal zu, wie das Statistische Bundesamt auf Basis vorläufiger Daten errechnete. Damit zeichnet sich nach drei mageren Jahren für 2026 zunehmend ein robustes Wachstum der deutschen Wirtschaft ab.
Ökonomen hatten nicht zuletzt wegen der Folgen des Niedrigwassers mit einer Stagnation im Zeitraum Juli bis September gerechnet. «Die Daten zeigen, dass die Konjunktur weiterhin besser läuft als gedacht», bilanzierte Jens-Oliver Niklasch, Ökonom bei der Landesbank LBBW.
Konsum überrascht positiv
Im dritten Quartal legten die Konsumausgaben nach Angaben der Statistiker leicht zu. «Der private Konsum war im Sommerquartal der Wachstumstreiber. Die höheren Energiepreise haben den privaten Haushalten die Kauflaune nicht verdorben», analysierte KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher. Allerdings machen deutlich gestiegene Preise fürs Tanken und Heizen Verbraucherinnen und Verbrauchern zu schaffen – trotz Tankrabatt.
Dagegen gingen die Investitionen den vorläufigen Erkenntnissen zufolge zurück. Auch die Exporte von Waren «Made in Germany» entwickelten sich zu Beginn der zweiten Jahreshälfte schwächer. «Die in der ersten Jahreshälfte noch sehr dynamische Entwicklung der Exporte schwächte sich im dritten Quartal 2026 merklich ab», schrieben die Statistiker.
Zwar brachte das Rekord-Niedrigwasser im Sommer die Erholung der deutschen Wirtschaft etwas ins Stocken. In den ersten beiden Quartalen hatte die Wirtschaft zum Vorquartal um 0,4 Prozent beziehungsweise 0,3 Prozent zugelegt. Doch die befürchtete Stagnation im Sommer blieb aus, obwohl niedrige Pegelstände am Rhein die Binnenschifffahrt bremsten und Branchen wie Chemie und Stahl belasteten.
Rückenwind vom Arbeitsmarkt
Auch vom Arbeitsmarkt kommen aktuell leicht positive Nachrichten: Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland sank im Oktober zum Vormonat saisonbedingt um 40.000 auf 2,955 Millionen, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) mitteilte. Die Arbeitslosenquote ging um 0,1 Punkte auf 6,3 Prozent zurück.
Der Rückgang der Arbeitslosigkeit falle aber relativ schwach aus. «Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind für eine Besserung am Arbeitsmarkt nach wie vor nicht ausreichend», sagte BA-Chefin Andrea Nahles. Im Vergleich zum Oktober 2025 stieg die Zahl der Arbeitslosen um 44.000.
Ökonomen erwarten Jahresendspurt
Dass die deutsche Wirtschaft nun vier Quartale in Folge gewachsen ist, macht Hoffnung auf ein Ende der konjunkturellen Durststrecke. Auch im vierten Quartal 2026 wird mit einem deutlichen Plus gerechnet. «Die Erholung dürfte sich in den kommenden Quartalen fortsetzen», sagte Nils Jannsen, Leiter Konjunktur Deutschland am Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW).
Die Stimmung in den Chefetagen der Unternehmen hat sich weiter verbessert – laut Ifo-Institut den sechsten Monat in Folge. Und die Erwartungen, dass sich das Exportgeschäft belebt, sind nach jüngster Ifo-Erhebung so gut wie seit Beginn des Krieges in der Ukraine im Februar 2022 nicht mehr.
Für das Gesamtjahr erwarte die Bundesregierung 1,3 Prozent Wachstum. Andere Prognosen sind noch etwas optimistischer. 2025 hatte das BIP um 0,2 Prozent zugelegt, davor war Europas größte Volkswirtschaft zwei Jahre in Folge geschrumpft.
Keine Entlastung bei der Inflation in Sicht
Der private Konsum steht aber unter Druck. Volkswirte erwarten, dass die Inflation vorerst erhöht bleiben wird. Denn der Konflikt zwischen den USA und Iran, der die Energiepreise anheizt, ist nach wie vor nicht gelöst. Zudem besteht das Risiko, dass wegen des Ölpreisschocks andere Preise anziehen, weil Transport und Lagerung teurer werden.
Immer mehr Firmen planen dem Ifo-Institut zufolge Preiserhöhungen. «Die Unternehmen reagieren auf die kräftig gestiegenen Preise für Rohöl und Erdgas, die in der zweiten Oktoberhälfte den höchsten Stand seit 2022 erreicht haben», erläutert Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. «In den kommenden Monaten wird die Inflation sowohl bei den Erzeuger- als auch bei den Verbraucherpreisen weiter zunehmen.»
Schon jetzt halten viele Menschen ihr Geld zusammen, wie die jüngste Konsumklimastudie der Nürnberger Institute NIM und GfK ergab. Bei größere Ausgaben halten sich viele zurück. Etliche Haushalte müssen wegen gestiegener Preise sogar auf Ersparnisse zurückgreifen. 42,6 Prozent von 2.117 Befragten gaben in einer YouGov-Umfrage für die Postbank an, sie nutzten Rücklagen, um ihre Lebenshaltungskosten bezahlen zu können.
Staatliche Milliarden treiben Wachstum
Ein Großteil des aktuellen Aufschwungs ist von staatlichen Milliardeninvestitionen in Infrastruktur und Verteidigung getrieben. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski gibt zu bedenken, dass «ein paar Quartale mit Aufschwung noch nicht automatisch eine nachhaltige Erholung bedeuten».
Nach Einschätzung von LBBW-Ökonom Niklasch wird sich 2027 zeigen, «ob die Belebung der Konjunktur dauerhaft ist, oder nur ein Strohfeuer, gespeist von der Fiskalpolitik: Für ein dauerhaft höheres Wachstum müssten die Investitionen stärker zulegen, was bis jetzt nicht der Fall ist.»
