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Bühne oder unverstellt: Wie viel Ich verträgt der Job?

Lüneburg/Köln (dpa/tmn) –

Eine Mitarbeiterin widerspricht im Meeting lieber nicht, obwohl sie eine andere Meinung hat. Ein Kollege übernimmt noch eine Aufgabe, obwohl seine Kapazitäten längst erschöpft sind. Und eine Führungskraft bleibt äußerlich souverän, obwohl sie sich gerade über eine Entscheidung ärgert.

Im Beruf handeln Menschen nicht immer so, wie sie es im privaten Alltag tun würden. Sie wägen ab, passen sich an und kontrollieren ihre Gefühle. «Sei einfach ganz du selbst» funktioniert im Job also oft nicht. Aber wie viel Authentizität ist angebracht?

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Rainer Niermeyer hat hierzu eine klare Meinung. Der Karrierecoach aus Köln sagt: «Radikale Authentizität vernichtet Karriere. Im Job geht es immer darum, in einer Rolle zu performen – wie ein Schauspieler auf einer Bühne. Wer ins Büro kommt, nimmt eine Rolle ein – die Rolle des Arbeitnehmers oder des Chefs.»

Niermeyer vertritt die These, dass jeder am Arbeitsplatz eine Rolle einnimmt. Für ihn stellen sich in diesem Zusammenhang die Fragen: «Welche Erwartungen hat mein Arbeitgeber an mich?» und «Wie schaffe ich es, glaubwürdig in meiner Rolle zu agieren?»

Professionalität und Affektkontrolle wichtiger als Authentizität

Nach Ansicht des Karrierecoaches soll man niemals unreflektiert authentisch sein. Wichtiger ist: Professionalität wahren. Ein Stichwort dabei ist Affektkontrolle – also die Fähigkeit, eigene Emotionen wahrzunehmen und so zu regulieren, dass man auch in schwierigen Situationen professionell handelt. 

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Bezogen auf den Beruf heißt das: 

  • Welche Emotionen helfen weiter?
  • Welche Emotionen kann man am Arbeitsplatz gegenüber Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten zeigen?

Die Rolle, die Beschäftigte am Arbeitsplatz einnehmen, sollte jedoch zur eigenen Persönlichkeit passen. Es bringe nichts, wenn man sich zu sehr verstellt oder über persönliche Grenzen geht, so der Coach. «Ich kann zwar in eine Rolle hineinwachsen, aber man sollte Warnsignale wie Erschöpfung oder Anspannung ernst nehmen. Wenn es körperliche Reaktionen wie Atembeschwerden oder Schlafstörungen gibt, ist es meist schon zu spät.»

Welche Rolle das Arbeitsumfeld spielt

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Wichtig: Nicht nur die eigene Rolle und das eigene Verhalten im Job fallen ins Gewicht, sondern auch das Arbeitsumfeld ist von entscheidender Bedeutung. «Wer weiß, dass Widerspruch nicht gern gesehen wird oder Fehler schnell persönlich genommen werden, wird sich wahrscheinlich zweimal überlegen, ob er seine Meinung sagt oder eine Unsicherheit zeigt», sagt Laura Venz, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg.

Das sei aber nicht unbedingt fehlende Authentizität. «Es kann auch eine normale Reaktion auf ein Umfeld sein, in dem man soziale Risiken vermeiden möchte», so Venz. Das Arbeitsumfeld setze damit den Rahmen dafür, welche Seiten der eigenen Person man zeigen kann, ohne soziale Nachteile befürchten zu müssen.

Kann ich sagen, dass ich etwas anders sehe?

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Auch authentische Menschen würden ihr Verhalten an unterschiedliche Situationen und Anforderungen anpassen. Problematisch werde es dann, wenn diese Anpassung nicht freiwillig erfolgt, sondern aus der Befürchtung heraus, für Widerspruch, Fehler oder abweichende Ansichten negative Konsequenzen zu erfahren.

Deshalb ist psychologische Sicherheit im Team ein wichtiger Faktor: Kann ich sagen, dass ich etwas anders sehe? Kann ich einen Fehler zugeben? Kann ich sagen, dass ich etwas nicht weiß? Und was passiert dann? «Wenn solche Dinge möglich sind, ohne dass jemand sein Gesicht verliert oder um seine Position fürchten muss, spricht das für psychologische Sicherheit. Fühle ich mich sicher, kann ich auch eher authentisch sein», so die Arbeitspsychologin.

Wer authentisch ist, sollte auch eigene Bedürfnisse äußern und Grenzen ansprechen können. Ein Beispiel: Nein sagen, wenn die eigenen Kapazitäten erschöpft sind. Entscheidend sei dabei nicht nur, was gesagt werde, sondern auch, wie: «Ein authentisches Nein muss nicht auf Kosten anderer gehen. Man kann die eigene Grenze klar benennen, ohne die Bedürfnisse oder die Person des Gegenübers abzuwerten», so Venz.

Eine Frage der Werte: Wann sollte ich den Job wechseln?

Bleibt die Frage: Was tun, wenn die eigenen Werte dauerhaft nicht zum Arbeitgeber passen? Nach Ansicht der Expertin sollten Beschäftigte zuerst herausfinden, wie groß diese Unterschiede tatsächlich sind. Nicht jede Abweichung sei problematisch.

«Schwierig wird es, wenn zentrale persönliche Werte dauerhaft mit dem kollidieren, was im Unternehmen erwartet oder belohnt wird», sagt Venz. Dann kann es sinnvoll sein, zunächst zu prüfen, ob sich innerhalb der Organisation etwas verändern lässt. Kann ich meine Sichtweise einbringen? Gibt es Bereiche oder Teams, die besser zu meinen eigenen Vorstellungen passen?

Hat eine Person aber das Gefühl, dauerhaft gegen eigene zentrale Überzeugungen handeln zu müssen, kann es berechtigt sein, sich zu fragen, ob das Unternehmen der richtige Ort ist. Ein Wechsel kann dann ein sinnvoller Schritt sein. Entscheidend ist aber auch dann, ob die Arbeitsbedingungen bei einem anderen Unternehmen mit den eigenen zentralen Werten vereinbar sind und ob man sich langfristig mit der dortigen Arbeitsweise identifizieren kann.