München (dpa) –
Das Behandlungszimmer von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist wie ein kleines Museum. In den Regalen liegen goldene Spikes von Usain Bolt, Boxhandschuhe von Wladimir Klitschko, ein Miniaturhelm von Sebastian Vettel, Torwarthandschuhe von Manuel Neuer. An den Wänden Trikots von Mondo Duplantis und Sidney Crosby sowie eine Zeichnung samt Widmung von U2-Frontmann Bono.
Seit 50 Jahren legen Sportgrößen und Prominente ihre Hoffnung in die Hände des längst selbst berühmt gewordenen deutschen Sportmediziners und Orthopäden. Der TV-Sender Sky hat nun einen Dokumentarfilm über den langjährigen Mannschaftsarzt des FC Bayern München und der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gedreht. In «Müller-Wohlfahrt – Der Arzt der Champions» bekommt der Zuschauer in 60 kurzweiligen Minuten einen tiefen Einblick in dessen Leben.
Bolt: «Geschenk des Heilens»
«Seine Instrumente sind der Kopf, das Herz und die Hände», sagt Peter Maffay. «Er hat Magie in seinen Fingern», versichert Lothar Matthäus. «Ich habe das Geschenk des Rennens bekommen, er des Heilens», betont Bolt. Viel Zuspruch für einen Arzt, der trotz oder vielleicht auch gerade wegen seiner exklusiven Klientel lange in der Medizin ein Außenseiter war und auch angefeindet wurde.
«Die Schulmedizin hat bei Sportverletzungen ihre Grenzen. Sie lernen in der Klinik nichts über Muskelverletzungen. Sie lernen keine Funktionstests. Sie lernen keine Palpation. Sie lernen zu operieren», erzählt Müller-Wohlfahrt, der sich mit reiner Empirie eine alternative Sportorthopädie erarbeitet und mit seinem besonderen Feingefühl sogar Heldenstatus erworben hat.
«Ich versinke in der Anatomie. Ich sehe keine Haut. Ich sehe auch keine Faszie. Ich fühle in den Körper hinein und sehe wie in einem Anatomiebuch die Muskeln, die Trennlinien», beschreibt der gebürtige Ostfriese sein Geheimnis. Er könne quasi mit seinen Händen sehen. Außerdem nutzt er seit Jahrzehnten das nicht unumstrittene aus Kälberblut gewonnene Serum Actovegin. «Das Mittel der Wahl bei Muskelverletzungen», nennt es Müller-Wohlfahrt.
Die Familie muss viel erdulden
Ein Vollblut-Arzt, das macht dieser Dokumentarfilm deutlich. Einer, der seinen Beruf als Berufung versteht und seiner Familie viel abverlangt. Den Wechsel von der Berliner Hertha zum für seine Karriere so wichtigen FC Bayern 1976 verschwieg Müller-Wohlfahrt seiner Frau Karin.
«Ich hatte meine gewohnte Welt in Berlin verloren», erzählt sie über den Neuanfang in Bayern. «Ich war ans Haus gebunden, das war die Härte.» Sie zunächst ohne Freundin in München, hochschwanger, ihr Examen an der Hochschule der Künste in Berlin noch ausstehend.
«Im Geiste umarme ich jeden Patienten»
Und er? Die ganze Zeit in der Praxis. Später suchen Stars wie Boris Becker oder Kobe Bryant seine Praxis in der Münchner Innenstadt auf. Oder kommen direkt zu Müller-Wohlfahrt nach Hause. Oder sie lassen ihn einfliegen wie Bolt vor seinem Gold-Triple bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro.
«Im Geiste umarme ich jeden Patienten, der den Raum betritt. Ich gehe auf sie zu und sage: Komm her, ich glaube dein Problem zu kennen, ich weiß, wie ich dir helfen kann», sagt Müller-Wohlfahrt, der in der Fußball-Szene meist nur «Mull» genannt wurde. «Er interessiert sich für die Geschichte hinter der Beschwerde», lobt Maffay den Ansatz des berühmten Arztes.
Der Zoff mit Guardiola
Was ihm noch immer zu schaffen macht, ist sein Aus beim FC Bayern. «Mull» gegen Pep Guardiola. Ein Aufeinanderprallen von Alpha-Tieren aus verschiedenen Kulturen. «Der Mister entscheidet, wann ein Spieler gesund ist und wann nicht», erklärt der frühere Nationalspieler und Star bei Real Madrid, Paul Breitner, die zumindest damals geläufige Mentalität spanischer Trainer. In München dagegen hatte in medizinischen Fragen Müller-Wohlfahrt recht. «Ich musste am eigenen Leibe erfahren, dass dieser Trainer mich nicht mag und mir das Handwerk schwer machen wird», erinnert sich Müller-Wohlfahrt.
Im April 2015 kommt es nach einem Eklat mit Guardiola zum vermeintlich endgültigen Bruch mit dem FC Bayern. Müller-Wohlfahrt und seinem Stab wird nach einer Verletztenmisere das 1:3 im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League in Porto angekreidet.
«Man hätte mich von Vereinsseite, für den ich über 40 Jahre immer da war und auch erfolgreich war, mehr unterstützen können. Das ist nicht geschehen, nicht passiert», beklagt Müller-Wohlfahrt. «Die Enttäuschung war personenbezogen, ich merkte, mir hilft keiner. Aber ich hänge am Verein. Bayern-Fan bleibe ich ein Leben lang», sagt Müller-Wohlfahrt, der sich vor allem von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge mehr Rückhalt erhofft hätte.
«Er muss für uns alle 120 werden»
Als Guardiola München 2017 verlässt, kehrt Müller-Wohlfahrt noch einmal als Mannschaftsarzt an die Säbener Straße zurück. Dem spanischen Star-Trainer würde Müller-Wohlfahrt trotz der Vorgeschichte heute helfen. «Ich würde nicht Nein sagen. Aber ich würde die Gelegenheit nutzen, um über meine Medizin zu sprechen, über meine Entwicklung und meine Erfolge, um ihn letztendlich doch zu überzeugen», sagt Müller-Wohlfahrt.
An ein Ende denkt er noch lange nicht. Auch wenn Müller-Wohlfahrt in seinem Sohn Kilian einen Arzt in seiner Praxis hat, der «außerordentlichen Fähigkeiten» besitzt, «mit den Händen zu diagnostizieren. Manchmal denke ich: Er ist besser als ich.» Aber die Patienten halten Müller-Wohlfahrt fit. Der Wunsch der früheren Weltklasse-Eiskunstläuferin Katarina Witt: «Er muss für uns alle 120 werden.»
