Kunstwerk oder Gemeingut?

Streit um die «Strat» – Aufruhr in der Gitarrenwelt

Buddy Holly spielte sie, Jimi Hendrix, Eric Clapton und etliche andere Heroen der Rockmusik: die Fender Stratocaster. Um das mutmaßlich meistverkaufte und -kopierte E-Gitarren-Modell der Geschichte ist ein Urheberrechtsstreit zwischen dem US-Instrumentenbauer Fender und Europas größtem Musikhändler entbrannt: der im oberfränkischen Burgebrach ansässigen Thomann GmbH. Sollte Fender sich durchsetzen, wäre das künftig ein Hemmnis für den Verkauf von Stratocaster-Kopien in ganz Europa. 

Fender hat Thomann vor dem Landgericht Düsseldorf verklagt. Der US-Hersteller wirft dem Onlinehändler vor, unter der eigenen Marke Harley Benton identische Kopien der Fender Stratocaster zu verkaufen. Thomann ist eine internationale Größe im Musikhandel: 2024 erwirtschaftete das Familienunternehmen mit gut 1.650 Mitarbeitern einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Im Juni kündigte Thomann seinerseits rechtliche Schritte gegen Fender an. Fender hält die Tür für eine Einigung offen: «Wir bevorzugen es, mit Herstellern in einen kooperativen Dialog zu treten, um praktische Wege zu finden, ihre Designs eindeutig zu differenzieren», heißt es in einer Stellungnahme des in Scottsdale im US-Bundesstaat Arizona ansässigen Unternehmens. 

Ein geschütztes Werk der angewandten Kunst 

Die wolkige Formulierung hat ihren Grund: ein PR-Debakel, das seit Monaten großes Thema in der Musikbranche ist. Im März entschied das Landgericht Düsseldorf zunächst in einem vorangegangenen Verfahren gegen einen von Fender verklagten chinesischen Hersteller. Der Korpus der Stratocaster sei ein «urheberrechtlich geschütztes Werk der angewandten Kunst». 

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Das chinesische Unternehmen erschien nicht, Fender nutzte das Versäumnisurteil anschließend als juristische Munition. «Die Entscheidung schafft durchsetzbare Rechte gegen alle Gitarren mit der Stratocaster-Korpusform, die in Deutschland oder anderen Ländern der Europäischen Union (EU) hergestellt, verkauft oder vertrieben werden», teilte Fender im März mit. 

Serie von Abmahnungen empört die Musikwelt 

Nicht nur Thomann, sondern auch einer ganzen Reihe von Gitarrenherstellern flatterten nach Berichten des Fachmagazins «Guitarworld» Abmahnungen ins Haus. «Fender nahm das in dieser Weise erlangte Urteil zum Anlass, flächendeckend Ansprüche gegenüber zahlreichen Marktteilnehmern in Europa und den USA geltend zu machen, obwohl es sich um das Urteil eines deutschen Gerichts handelt und nach unserem Verständnis nur in Deutschland gilt», sagt Dominic Wagner, der Leiter des Marketings bei Thomann. 

Folge war ein Aufschrei – auch im Fender-Mutterland USA, wo das Geschäft nach Bekunden von Firmenchef Ed Cole nicht vom deutschen Urteil betroffen ist. Die Stratocaster ist seit 1954 auf dem Markt. Seit Jahrzehnten stellen Instrumentenbauer mehr oder minder eng an das Original angelehnte Nachbauten her, ohne dass Fender in der Vergangenheit Einspruch erhoben hätte. Berühmtestes Beispiel ist die «Franken-Strat», die der 2020 gestorbene Gitarrenvirtuose Eddie van Halen in seiner Jugend aus Einzelteilen zusammenschraubte und auf den frühen Alben spielte. 

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Dementsprechend empört fielen die Reaktionen aus: «Es ist erstaunlich, wie toxisch sie sind», schimpfte Rick Beato, ein Gitarrist, Musikproduzent und populärer Youtuber mit 5,8 Millionen Abonnenten. Auch andere Youtuber kündigten Fender die Freundschaft, auf der «Guitarworld»-Webseite häuften sich die Negativkommentare. 

Inspiration für zahllose Nachbauten 

Denn die Strat-Bauform ist weit populärer als das Unternehmen Fender. So sind auf der Thomann-Webseite aktuell über 1.700 «ST-Modelle» gelistet, nur ein Bruchteil davon originale Strats. 

Konstrukteur Leo Fender (1909 – 1991) war nicht Erfinder der E-Gitarre, aber eine der prägenden Figuren bei deren Entwicklung. Die in den 1940er Jahren üblichen E-Gitarren waren akustische Instrumente mit zusätzlichem Tonabnehmer. Da eine elektrisch verstärkte Gitarre keinen großen Resonanzkörper braucht, hat die Stratocaster einen sehr viel kleineren Korpus aus Massivholz, der sich an die Körperform des Gitarristen anschmiegt. Neuerung der Strat waren neben der Form die drei Tonabnehmer, die eine große Klangvielfalt erlauben. Ob Country, Funk oder Heavy Metal: Die Strat ist für viele Musikrichtungen geeignet. 

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Im Mutterland USA markenrechtlich nicht geschützt 

Fender hatte 2009 in den USA vergeblich versucht, die Stratocaster-Korpusform markenrechtlich schützen zu lassen. «Die zuständige Stelle kam damals zu dem Ergebnis, dass die Form aufgrund ihrer langjährigen und weit verbreiteten Nutzung keinen entsprechenden Markenschutz beanspruchen könne und stufte sie daher als generisch und gemeinfrei ein», betont Thomann-Marketingchef Wagner. 

Das Düsseldorfer Gericht erkannte den Korpus als urheberrechtliches Werk an, unter anderem, weil er bei seinem Erscheinen grundlegend neu gewesen sei. Dass es ein Versäumnisurteil war, bedeutet nicht, dass es keine ausführliche Begründung gab – aber wohl, dass die Argumente der Kläger nicht von Anwälten der Gegenseite auseinandergenommen wurden. 

LsL trifft Vorsichtsmaßnahmen 

Das Vorgehen von Fender verändert bereits die Gitarrenwelt. Der Hersteller LsL Instruments aus Los Angeles stellte im August nach einer Abmahnung seine neue Gitarre Saticoy 24 vor, mit etwas anders geformtem Korpus sowie 24 statt zuvor 22 Gitarrenbünden. Man sehe sich mit der Saticoy 24 sicher vor Fender, sagt LsL-Manager Johny Miller. «Ich bin überzeugt, dass die sie nicht mit der Kneifzange anfassen werden.» Denn bisher habe Fender Anbieter von 24-Bund-Gitarren in Ruhe gelassen und würde mit einem Vorgehen dagegen weitere Anbieter angreifen. 

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Fender verkauft selbst Kopien der berühmtesten Kopie 

Die Grundform der Stratocaster sei über Jahrzehnte von zahlreichen Herstellern weiterentwickelt worden, sagt Marketingchef Wagner, darunter auch von Leo Fender selbst. Denn der Gründer verkaufte seine Firma Mitte der 1960er Jahre und entwickelte anschließend für andere Unternehmen weiter. «Dass eine Form, die seit über 70 Jahren kontinuierlich von unzähligen kleinen wie großen Herstellern weiterentwickelt wird, nun nachträglich monopolisiert werden soll, steht im Widerspruch zur Geschichte des Instrumentenbaus», meint der Manager. 

Ein Skurrilität am Rande: Fender verkauft seit langem selbst Kopien der berühmtesten Strat-Kopie: Stargitarrist Eddie van Halen ging vor bald 20 Jahren eine Partnerschaft mit dem Instrumentenbauer ein. Unter der Marke EVH vertreibt der Konzern Replika-Instrumente der «Franken-Strat».