Es sind diese Momente, für die Novak Djokovic überhaupt noch Tennis spielt. Centre Court, volles Stadion, Flutlicht und ein Topgegner – nur deshalb quält sich der 38 Jahre alte Serbe im Training immer noch. Es sind diese besonderen Spiele, weshalb der 24-malige Grand-Slam-Champion auch im hohen Alter noch um die Welt reist. Nicht mehr so viel wie früher, dafür voll fokussiert auf die vier wichtigsten Turniere im Jahr.
«In der Vorbereitung habe ich mir ausgemalt, in diesem Jahr gegen Jannik und Carlos in den entscheidenden Runden bei den Grand Slams zu spielen, es auszufechten und alles zu geben, was ich habe», sagte Djokovic in Melbourne. «Ich bin froh, dass mir das gleich beim ersten Grand Slam des Jahres gelingt.»
Im Halbfinale der Australian Open rang Djokovic Titelverteidiger Jannik Sinner in fünf Sätzen nieder. Es war einer dieser Abende, die sich der Serbe im Kopf zuvor ausgemalt hatte. Die ganze Tennis-Welt schaute zu, vor allem auch seine Kritiker, die ihm Leistungen wie gegen Sinner und den Sprung in ein Grand-Slam-Finale nicht mehr zugetraut hatten. Schließlich hatte er im vergangenen Jahr in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York jeweils im Halbfinale verloren.
Dank an die Zweifler
«Da sind so viele Leute, die an mir zweifeln. Ich sehe so viele Experten, die auf einmal wollen, dass ich aufhöre oder die mich schon mehrmals abgeschrieben haben in den vergangenen Jahren», sagte Djokovic nach seinem Triumph gegen Sinner am frühen Samstagmorgen. «Ich möchte diesen Leuten danken, weil sie mir die Kraft gegeben haben. Sie haben mir die Motivation gegeben, sie vom Gegenteil zu überzeugen.»
Djokovic und die Kritiker – das ist schon während der gesamten Karriere des erfolgreichsten Tennisspielers der Geschichte eine Art Hass-Liebe. Zunächst waren da Roger Federer und Rafael Nadal, die von Fans und Experten mehr geschätzt wurden. Djokovic wurde manchmal wie ein Aussätziger behandelt. Wie konnte es jemand wagen, dem großen Federer und dem großen Nadal Titel wegzunehmen?
Djokovic der Ungeliebte
Djokovic war immer ein wenig der Ungeliebte, selbst Andy Murray oder Stan Wawrinka standen in der Gunst von Fans und Experten meistens höher. Etwas, was den stolzen Serben immer sehr getroffen hat, woraus er aber stets Extramotivation gezogen hat.
Inzwischen tauchen Federer und Nadal nur noch zu Showkämpfen oder PR-Terminen bei den Grand-Slam-Turnieren auf. Auf dem Court heißen die Rivalen von Djokovic längst Sinner und Alcaraz. Und wieder ist es so, dass diesem neuen Duo die Herzen zufliegen – und nicht dem auch mit 38 noch Weltklasse spielenden Djokovic.
Djokovic spricht von Respektlosigkeit
Als der Serbe vor dem Halbfinale gefragt wurde, ob er nach der Rivalität mit Federer und Nadal nun Sinner und Alcaraz jagen würde, brach es aus ihm heraus. Er finde es «ein wenig respektlos», dass die Zeit dazwischen einfach ignoriert werde. «Es gab wohl eine etwa 15-jährige Phase dazwischen, in der ich die Grand Slams dominiert habe. Ehrlich gesagt habe ich nicht das Gefühl, dass ich hinterherjage.»
Das bekam im Halbfinale von Melbourne Sinner zu spüren, im Endspiel an diesem Sonntag (9.30 Uhr MEZ/Eurosport) soll es Alcaraz merken. Den Sieg gegen Sinner bezeichnete Djokovic als «schönsten seit einer Dekade». Wie er wohl einen Finalsieg gegen Alcaraz bewerten würde? Es wäre sein 25. Grand-Slam-Titel, womit er endlich auch einen Titel mehr hätte als die Australierin Margaret Court.
Die Frage ist, wie gut sich Djokovic von dem mehr als vier Stunden langen Kampf gegen Sinner erholen kann. Er werde am Samstag definitiv nicht trainieren, kündigte Djokovic an. Jede Minute bis zum Endspiel diene der Regeneration. «Es steht Geschichte auf dem Spiel – für beide von uns.»
Besonderes Finale auch für Alcaraz
Denn auch für Alcaraz ist das Finale nach dem Fünf-Satz-Drama inklusive Krämpfen gegen Alexander Zverev ein ganz besonderes. Die Australian Open sind das einzige Grand-Slam-Turnier, das er noch nicht gewonnen hat. Mit 22 Jahren und 272 Tagen wäre er der jüngste Tennisprofi der Geschichte, der den sogenannten Karriere-Grand-Slam perfekt macht.
Wie viel ihm das bedeuten würde, machte Alcaraz nach dem Sieg gegen Zverev deutlich. Wofür er sich entscheiden würde, wenn er zwischen dem Triumph in Melbourne und Siegen bei all den anderen drei Grand-Slam-Turnieren in diesem Jahr wählen könnte, wurde der Weltranglisten-Erste gefragt. Seine Antwort ließ keine Zweifel offen: «Ich würde mich für diesen hier entscheiden.»
