Wer noch Redebedarf habe, möge die ersten Meter nutzen, sagt Yogalehrerin Daniela Hochmuth als sie ein Dutzend Schneeschuhwanderer auf dem Parkplatz Hochpillberg oberhalb des Unterinntals begrüßt. Noch Fragen? «Danach lade ich euch ein, euch aufs Wahrnehmen, die Stille, die Geräusche vom Schnee zu konzentrieren – das haben wir sonst nicht so viel.»
Wir sind in Tirol, in der sogenannten Silberregion Karwendel, wie sie sich touristisch vermarktet. Der Name der Region zwischen Tuxer Alpen und Karwendelgebirge spielt auf die historische Bedeutung des Silberbergbaus an und setzt heute auf Winterangebote abseits der Piste, «die Schneeschuhdestination Tirols» nennt man sich.
Schneeschuh-Yoga, das sei längst noch kein Trend, sagt Daniela – sondern eine weitere Idee von den «Mädels der Tourismusregion». «Es fängt gerade erst an.» Immerhin findet die winterlich-alpine Frischluftvariante gewissen Anklang. Nach der Premiere im Rahmen der «Schneeschuhwanderwochen» wurde Schneeschuh-Yoga dieses Jahr erneut angeboten.
Jetzt die «Berghaltung»
Passend zum Yoga, das auch viel mit Achtsamkeitstraining zu tun hat, führt Daniela die Gruppe auf den «Weg der Sinne». Der Wanderweg ist bestückt mit Kunstwerken, Ruhezonen und Ausblicken auf das Karwendelgebirge auf der gegenüberliegenden Seite des Inntals.
Auf einer Lichtung bildet die Gruppe einen Kreis, und die Yogalehrerin zitiert ein Gedicht des US-amerikanischen Umweltaktivisten Derrick Jensen. Es handelt von der Sprache der Körper und Träume, älter und tiefer als Worte – als plötzlich ein Handy klingelt.
Daniela ignoriert es, lässt stattdessen Hände kneten, Schultern drehen, Hüften kreisen. Und führt in die «Berghaltung» ein: hüftbreiter Stand, aufgerichtetes Becken, eingezogener Bauchnabel. «Ich lade euch ein, so stabil zu sein wie ein Berg und einfach mal den Atem zu beobachten», sagt sie und schweigt. Lang genug, um runterzukommen, kurz genug, um nicht auszukühlen.
Auf dem Weg zur nächsten Station sollen sich die Teilnehmer ihrem Gehrhythmus hingeben: Wie hört sich der Schneeschuhschritt an? Sport ist nur ein Teil von Yoga, da sind sich die meisten Yogi einig. Der Rest ist Meditation und Philosophie. Das soll auch bei der Schneeschuh-Version rüberkommen – die allein wegen der Teller unter den Füßen ein paar praktische Einschränkungen mit sich bringt.
Meditativer Rhythmus im Schnee
«Den Sitz vom Buddha können wir hier nicht machen», sagt Daniela. Dennoch komme das «bewusste Sein im Moment» auch in der Bergluft Tirols dem Yoga-Ursprung näher als manch verdrehte Pose. Was im Schnee immerhin funktioniert, sind Ausfallschritt, Stuhlhaltung oder «Adlerarme».
Gehen und stehen, ein- und ausatmen, strecken und vorbeugen – das klappt auch im Schnee. Und macht Spaß, zumindest, solange das Wetter mitspielt. Bei Kälte und Schneefall wolle niemand lange praktizieren, sagt Teilnehmer Jürgen Husch, der als Yogalehrer und Wanderführer im Allgäu selbst Schneeschuhwandern und Yoga miteinander verbindet. So gesehen seien die Achtsamkeitsübungen im Schnee nur eine Ergänzung.
Angefangen hat die Schneeschuhwoche unter dem Motto «Mit Sicherheit Spaß im Schnee» mit Lawinenkunde. Die Aufklärung durch die örtliche Bergrettung über mögliche Gefahren und Tipps für die richtige Ausrüstung sind laut örtlichem Tourismusverband wichtig. Denn: Auch Schneeschuhwanderungen finden oft im alpinen Gelände statt.
Einen meditativen Rhythmus im Schnee finden, dafür seien sie und ihre Freundin Elke für eine «Schneeschuhwanderwoche» in die Silberregion gekommen, sagt Nicki aus Nürnberg. Am Tag des Schneeschuh-Yoga gehen die Freundinnen jedoch unterschiedliche Wege. Elke wählt den «Weg der Sinne» und fühlt sich wie auf Wolken: «Ich konnte wunderbar entspannen», sagt sie. Das Klicken der Kamera oder den Motor eines Fliegers habe sie schlicht nicht wahrgenommen, dafür Sonne, Wind und den Ausblick auf letzte Nebelschleier über dem Inntal genossen.
Nicki dagegen sind Yoga, Schneeschuhwanderung und Hüttenzauber zu viel für einen Tag. Sie verzichtet – und bereut beim späteren Zusammentreffen: «Wenn ich gewusst hätte, dass es so schön ist, vor allem mit der Wolkendecke…». Beim nächsten Mal möchte sie dabei sein.
Links, Tipps, Praktisches:
Das Reiseziel: Die Tourismusregion Silberregion Karwendel liegt in Tirol zwischen Tuxer Alpen und Karwendelgebirge. Die «Silberstadt» Schwaz liegt 30 Kilometer östlich von Innsbruck.
Anreise: Schwaz ist mit dem Auto ab Berlin in rund 7,5 Stunden, ab Frankfurt/Main in 5,5 und ab München in 1,5 Stunden zu erreichen. Auch im Nachtzug bis Jenbach kann man anreisen (nightjet.com). Der nächste Flughafen liegt in Innsbruck.
Schneeschuh-Yoga: Die «Schneeschuhwanderwochen» mit Schneeschuh-Yoga finden auch zum Jahresbeginn 2027 wieder statt (https://silberregion-karwendel.com). Die Kombination von Yoga und Schneeschuh ist aber nicht einzigartig. Auch im Skigebiet Les Portes du Soleil zwischen Frankreich und der Schweiz gibt es ein Angebot (https://de.portesdusoleil.com/erlebnisse-zum-mitmachen/schneeschuh-yoga-namaste-montagnes-schneeschuhwandern-in-geschmeidigkeit) sowie weiteres im Bergdorf Steibis bei Oberstaufen im Allgäu (https://travelingyoga.org/de/yoga-und-wandern/suedtirol-yoga-schneeschuhwandern). Auch in Südtirol gab es schon Schneeschuh-Yoga-Termine.
Weitere Informationen: tirol.at; austria.info
