Vor dem Halbfinalkracher gegen Tennis-Dominator Carlos Alcaraz ging Alexander Zverev ganz entspannt seiner Routine nach. Wie fast immer in diesen Tagen von Melbourne trainierte der Vorjahresfinalist abseits des großen Trubels auf dem etwas abgelegenen Court 23. Gelassen und fokussiert bereitete sich Zverev auf das Duell mit dem Weltranglisten-Ersten aus Spanien vor, in dem die aktuell schwerstmögliche Aufgabe auf den 28-Jährigen wartet.
Denn Alcaraz ist bei den Australian Open bislang das Maß aller Dinge. Die Nummer eins der Welt ist am Yarra River in diesem Jahr noch ohne Satzverlust und hat bislang den mit Abstand stärksten Eindruck von allen Favoriten hinterlassen. Während sein Dauerrivale Jannik Sinner bei großer Hitze mit körperlichen Problemen zu kämpfen hatte, wirkt Alcaraz topfit und ist voller Spielfreude durch das Turnier gerauscht.
Zverev kaum wiederzuerkennen
Die Spekulationen um die überraschende Trennung von seinem Trainer Juan Carlos Ferrero scheinen Alcaraz bislang ebenso wenig zu belasten wie die Gegner auf dem Tennisplatz. Der 22-Jährige ist bei seinem Ziel, die Australian Open als letztes der vier Grand-Slam-Turniere zu gewinnen, voll auf Kurs.
Doch das lässt sich auch über Zverev sagen. Der Weltranglisten-Dritte ist zu Beginn des neuen Tennis-Jahres kaum wiederzuerkennen. Gelöst und in sich ruhend präsentiert sich Zverev in Melbourne, während er im vergangenen Jahr oft unglücklich und unzufrieden gewirkt und nach seinem Erstrunden-Aus in Wimbledon sogar mentale Probleme offenbart hatte.
Gesundheit als Schlüssel
Manch einer reibt sich verwundert die Augen, wenn er Zverev gut gelaunt Autogramme für die Fans schreiben oder in den Interviews nach den Spielen auf dem Court scherzen sieht. Für Zverev selbst kommt die Wandlung hingegen nicht überraschend und hat vor allem einen Grund: «Ich bin gesund und schmerzfrei. Das hatte ich lange nicht mehr», sagte Zverev. «Ich fühle mich gut auf dem Court, habe Spaß am Tennis.»
Im für Deutschlands besten Tennisspieler so komplizierten Jahr 2025 war die Gesundheit dagegen stets das große Problem. Nach seinem verheißungsvollen Start mit dem Finaleinzug bei den Australian Open quälte sich Zverev durch den Rest des Jahres. Auch, weil er sich zu sehr unter Druck setzte und zu viele Turniere spielte.
Zverev lernt aus Fehlern
Weil wegen der Dopingsperre von Sinner für ihn die Chance auf Platz eins der Welt bestand, hetzte Zverev durch die Welt. Buenos Aires, Rio de Janeiro, Acapulco, Indian Wells und Miami hießen die Stationen allein bis Mitte März. Viel zu viel und vor allem viel zu erfolglos spielte Zverev Tennis.
«Im letzten Jahr war mein Spielplan verrückt, vor allem am Anfang des Jahres», räumte Zverev nun ein. «Es war sehr viel nacheinander. Und in dieser Phase haben meine Probleme angefangen. Ich war mental müde, die Verletzungen fingen an», sagte Zverev, der bis zum Ende des Jahres nicht mehr richtig fit wurde und sich von einer Blessur zur nächsten schleppte.
In der Saisonanalyse gegen Ende des Jahres passierte dann etwas, was viele Kritiker Zverev nicht mehr zugetraut hätten: Der Olympiasieger von 2021 reagierte auf die Probleme und stellte einiges um.
Arztbesuch in München
So begab er sich in der Vorbereitung zu Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dem langjährigen Mannschaftsarzt der Fußball-Nationalmannschaft und von Bayern München. «Der hat mir 77 Spritzen hinten reingesteckt und die haben offensichtlich geholfen», sagte Zverev, der zuletzt vor allem über Rückenbeschwerden geklagt hatte.
Zudem arbeitete Zverev an seinem Spiel, zog besonders Lehren aus der Dominanz von Sinner und Alcaraz. «Ich habe vor allem an meinen ersten Schlägen nach dem Aufschlag gearbeitet», berichtete Zverev. Hier seien Sinner und Alcaraz, die zuletzt die Grand-Slam-Titel unter sich aufteilten, ganz besonders dominant.
Hat der neue Zverev eine Chance?
Und die Umstellungen zeigen erste Wirkung. In Melbourne tritt Zverev deutlich aggressiver auf, steht näher an der Grundlinie und zeigt sich vor allem bei seiner Vorhand verbessert. All das wird er auch gegen Alcaraz umsetzen müssen, will er gegen den Spanier eine Chance haben und den Traum von seinem ersten Grand-Slam-Titel am Leben halten.
Dass Alcaraz nicht unschlagbar ist, merkte Zverev im Training vor den Australian Open. «Wir haben einen Satz gespielt, er hat im Tiebreak gewonnen. Es war ein Duell auf ganz hohem Niveau», berichtete der Spanier. Einziges Problem für Zverev: Ein Satz auf hohem Level wird nicht reichen, um die Nummer eins der Welt zu besiegen.
