Die von Kurdenmilizen angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) ziehen nach eigenen Angaben von dem berüchtigten Lager al-Hol in Syrien ab. In dem Lager, das die SDF bisher bewachten, sind Tausende Angehörige von Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) untergebracht, vor allem Frauen, Kinder und Jugendliche. Der Abzug folgt auf eine Offensive von Regierungstruppen im Nordosten.

Das Lager ist offiziell kein Gefängnis, wird von Bewohnern aber oft als ein solches beschrieben. Sie können das Camp nicht freiwillig verlassen.

«Aufgrund der Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft gegenüber dem IS-Problem» seien die SDF-Streitkräfte gezwungen gewesen, aus dem Lager abzuziehen, hieß es in einer Pressemitteilung. Sie warfen der internationalen Gemeinschaft vor, ihrer Verantwortung bei der Bewältigung «dieser ernsten Angelegenheit» nicht nachgekommen zu sein. Die SDF-Einheiten seien in andere Gebiete im Nordosten Syriens verlegt worden. 

Lager als Nährboden für den IS

Kurdische Verantwortliche hatten schon vor der Ankündigung die Befürchtung geäußert, ein Kontrollverlust über die Gefängnisse oder Lager für IS-Kämpfer und deren Angehörige könnte ein Erstarken des IS begünstigen und die gesamte Region in eine neue Phase von Gewalt und Instabilität reißen.

In al-Hol leben vor allem Syrer und Iraker, aber auch Menschen mit Staatsangehörigkeit in EU-Ländern, Nordamerika oder Zentralasien. Nach Angaben aus dem Lager leben dort heute auch noch 13 Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit, die sich einst dem IS angeschlossen hatten. Insgesamt leben im al-Hol-Lager heute rund 23.000 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder.

Nach dem militärischen Sieg über den IS im Jahr 2019 wurden Angehörige von IS-Kämpfern aus Sicherheitsgründen in den Lagern wie al-Hol isoliert. Die kurdisch angeführten Milizen kontrollierten, verwalteten und sicherten das Lager. 

Al-Hol gilt seit Jahren als hochriskant. Die Versorgung der Lagerbewohner ist unzureichend. Terrorismusexperten warnen seit Jahren, dass das Lager durch die Isolation ein Nährboden für die Ideologie des Islamischen Staats ist. Bewohner leben nach eigenen Aussagen in einer Art rechtsfreien Raum. Immer wieder kommt es dort zu Morden und anderen Gewaltakten. Nach Angaben von Verantwortlichen übt der IS weiter Einfluss auf die Bewohner aus und ordnet Angriffe an. Kinder, die dort aufwachsen, werden oft als «Welpen des Kalifats» bezeichnet. 

IS-Kämpfer sind weiterhin in Syrien aktiv

Der IS hatte 2014 in Syrien und im benachbarten Irak große Gebiete überrannt. Teilweise kontrollierte er etwa ein Drittel Syriens und 40 Prozent des Irak. Die USA begannen daraufhin einen Kampf gegen den IS – die SDF zählten zu ihren wichtigsten Verbündeten. Die Terrormiliz gilt als militärisch besiegt. In beiden Ländern sind schätzungsweise aber noch rund 2.500 IS-Kämpfer aktiv, die auch Anschläge verüben.

In Syrien rücken seit einigen Tagen Regierungstruppen und deren Verbündeten immer weiter in die Kurdengebiete im Norden und Osten des Landes weiter vor. Hintergrund ist ein Streit zur Eingliederung der bisher autonom verwalteten Kurdengebiete in die staatliche Ordnung. Nachdem ein Abkommen dazu bis heute nicht umgesetzt wurde, kam es zu tödlichen Gefechten. Die Übergangsregierung rückt dabei immer weiter in die bisher von Kurden kontrollierten Gebiete vor. Ein eigentlich am Sonntag verkündeter Waffenstillstand scheint inzwischen faktisch beendet.