Deutscher Silber-Coup und Unfall-Drama um Lindsey Vonn: An einem dramatischen Olympia-Tag hat Skirennfahrerin Emma Aicher die erste deutsche Medaille bei diesen Winterspielen gewonnen. Die 22-Jährige wurde in Cortina d’Ampezzo nur von Weltmeisterin Breezy Johnson aus den USA um die Winzigkeit von 0,04 Sekunden geschlagen. Bronze ging an die italienische Lokalmatadorin und Mitfavoritin Sofia Goggia (+0,59 Sekunden).
Überschattet wurde das Rennen in dem malerischen Ambiente in den Dolomiten vom schweren Sturz von Vonn. Die 41-Jährige kam schon im Anfangsteil der Strecke nach einem Fehler zu Fall. Sie blieb danach vor Schmerzen schreiend liegen, ehe sie mit dem Rettungshubschrauber per Seilwinde weggeflogen wurde.
Statt eines Happy Ends bei ihrem letzten Großereignis gab es für den wohl größten Star dieser Spiele wieder eine womöglich schwere Verletzung. Dabei war Vonn bereits mit einem gerissenen Kreuzband in Cortina angetreten.
Aicher: «Wild angefühlt»
Während die Altmeisterin in ein Krankenhaus gebracht wurde, konnten andere – auch wenn es ihnen teils schwerfiel – jubeln. Aicher feierte den größten Erfolg ihrer noch jungen Karriere und die erste deutsche Ski-Einzelmedaille bei Olympia seit zwölf Jahren – auch wenn sie sich im Ziel zunächst noch über den Rückstand auf Johnson ärgerte. «Es hat sich einfach wild angefühlt. Über jeden Sprung hat es mich aufgerissen. Ich kann es gerade gar nicht einschätzen», erzählte Aicher im ZDF während der Verletzungsunterbrechung nach Vonns Sturz, als sie sich ihrer Medaille noch nicht sicher sein konnte.
Aicher gilt schon seit mehreren Jahren als die größte Zukunftshoffnung im deutschen Alpin-Team. Bei der WM vor fünf Jahren war sie – ebenfalls in Cortina d’Ampezzo – ohne jegliche Weltcup-Erfahrung erstmals auf der großen Ski-Bühne aufgetaucht und hatte prompt zu Bronze im Teamwettbewerb beigetragen. Seitdem entwickelte sich die Allrounderin kontinuierlich weiter.
Weitere Medaillenchancen für Aicher in Cortina
2022 holte sie bereits eine Olympia-Medaille: Silber mit der Mannschaft. Im vergangenen März folgten die ersten beiden Weltcup-Siege, in der laufenden Saison schon zwei weitere. Ihr skifahrerisches Gefühl ist außergewöhnlich, ihre Vielseitigkeit eine Seltenheit in der heutigen Zeit. Aicher, aktuell Dritte im Gesamtweltcup, lässt die Deutschen wieder von großen Ski-Zeiten träumen.
Auch bei diesen Winterspielen hat sie noch mehrere Medaillenchancen: in der Team-Kombination, im Super-G und im Slalom. Anders als Aicher enttäuschte Teamkollegin Kira Weidle-Winkelmann, die in der Abfahrt mit Ambitionen auf Edelmetall angetreten war, dann aber nur Neunte (+1,16 Sekunden) wurde.
Vonns fataler Patzer bei einem Sprung
Für Vonn endet eine lange Karriere nun aber mit dem nächsten Sturz und einer möglicherweise nochmal schweren Verletzung. Sie hakte schon nach wenigen Sekunden bei einem Sprung mit dem Arm an einem Tor ein und verlor in der Luft die Kontrolle. Die 41-Jährige schlug heftig auf der Piste auf, ihre Knie schienen sich dabei zu verdrehen. Vonn fuhr mit einer Teilprothese im rechten Knie, das linke Knie – jenes mit dem Kreuzbandriss – wurde von einer Schiene gestützt.
Nach dem Sturz hielten im Ziel die Zuschauerinnen und Zuschauer den Atem an. Unter ihnen waren auch Vonns Vater und ihre Schwester. Auch Rap-Star Snoop Dogg war in die Dolomiten gekommen. «Ich habe gleich weggeschaut», sagte Aicher über den Moment des Unfalls.
Neureuther zu Vonn: «Übers Limit»
«Sie hat das Risiko oben definitiv schon genommen. Das war die Angst, die ich hatte, dass sie für dieses eine Rennen so versucht, übers Limit drüber zu gehen», sagte Ex-Profi Felix Neureuther in der ARD. «Wenn du so schwer verletzt warst und auch ohne Kreuzband fährst, musst du auch mental über dich hinauswachsen, dass du eine Chance hast.»
