Perspektiven

Die Krawalle dürfen die Anliegen von Gen Z regelt nicht verdrängen

PERSPEKTIVEN · Diese Kolumne gibt die Ansichten des Autors wieder.

Nach den Protesten von Gen Z regelt reden alle über Plünderungen in Frankfurt und kaum jemand über Schulen, Mieten und Wehrpflicht. Ich halte das für einen Fehler. Wer Polizisten mit Brandsätzen angreift, verdient harte Strafen – die friedliche Mehrheit verdient trotzdem Antworten.

Am Samstag, dem 31. Oktober 2026, gingen in rund 30 deutschen Städten junge Menschen auf die Straße. Nach addierten Polizeizahlen waren es mehr als 65.000; die Initiative selbst sprach von Hunderttausend. Tagsüber blieb es fast überall friedlich. Am Abend kippte die Lage, vor allem in Frankfurt am Main, aber auch in Köln, Hamburg und Berlin.

Advertisement

In Frankfurt wurden nach Angaben von Hessens Innenminister Roman Poseck 17 Geschäfte beschädigt und fünf geplündert. Mehr als 100 Polizisten wurden verletzt, einer verlor nach einem Steinwurf ins Gesicht Zähne. Auch ein Waffengeschäft wurde angegriffen. Szenen wie diese hat die Stadt laut dpa seit den Blockupy-Krawallen 2015 nicht mehr erlebt.

Diese Bilder sind verstörend, und ich will sie nicht kleinreden. Aber sie erzählen nur einen Teil des Tages. Der andere Teil sind Zehntausende Schülerinnen, Azubis und Studierende, die friedlich für Dinge demonstriert haben, über die wir dringend reden müssen.

Der Zeitpunkt war kein Zufall. Die Proteste fielen auf Halloween und kamen wenige Wochen nach schweren Krawallen im Nachbarland Frankreich. In ganz Europa gehen derzeit vor allem junge Menschen gegen hohe Lebenshaltungskosten und schlechte Bildung auf die Straße. Deutschland ist also kein Sonderfall, sondern Teil einer Welle.

Advertisement

Hintergrund: Wofür Gen Z regelt auf die Straße ging

Gen Z regelt ist eine junge Initiative. Nach eigenen Angaben fand sie sich erst wenige Wochen vor dem Protesttag zusammen, das zentrale Organisationsteam umfasst rund 30 Menschen. Zu ihren Forderungen gehören mehr Geld für Schulen, mehr Klimaschutz und Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten. Hinzu kommt ein klares Nein zur Wehrpflicht. Sprecherin Lina Friedrich sagte laut Reuters, man kämpfe für Frieden und Freiheit statt für Krieg und Zwang.

In einem offenen Brief forderte die Initiative von Kanzler Friedrich Merz und der Bundesregierung mehr Gehör. Diese Bitte richtet sich nicht gegen den Staat, sondern an ihn.

Man muss nicht jede dieser Forderungen teilen, um sie ernst zu nehmen. Die Frage, wie gut Schulen ausgestattet sind, wie teuer Wohnen geworden ist und wer künftig Wehrdienst leisten soll, betrifft diese Generation unmittelbar. Eine Vertreterin der Kölner Gruppe beklagte schon vor dem Protesttag, junge Menschen hätten in einer alternden Gesellschaft zu wenig politische Macht.

Advertisement

Bemerkenswert finde ich, dass die Initiative schon vor dem Samstag genau das befürchtete, was dann geschah. Ein Mitorganisator aus München klagte, statt über Inhalte werde immer nur über Gewalt gesprochen. Damals wirkte das wie eine Ausrede. Heute klingt es wie eine Prophezeiung.

Was am Abend geschah

Wie friedlich der Tag zunächst verlief, bestätigte ausgerechnet die Polizeigewerkschaft. Andreas Roßkopf von der GdP sagte vor den Ausschreitungen, die Proteste hätten sich als sehr friedlich herausgestellt. Erst nach dem Ende der Kundgebungen spitzte sich die Lage in einigen Städten zu.

Die Polizei in Frankfurt löste die Demonstration nach Angaben des ZDF gegen 18.20 Uhr wegen eines „unfriedlichen Verlaufs“ auf. Danach eskalierte es: Schaufenster gingen zu Bruch, Barrikaden brannten, Spezialeinsatzkräfte rückten an. Nach Einschätzung der Polizei beteiligten sich 1.000 bis 1.500 gewaltbereite Störer. Festgenommen wurden 54 Menschen zwischen 13 und 29 Jahren.

Advertisement

In Köln stellte die Polizei laut Polizeipräsident Johannes Hermanns Molotowcocktails und Nothämmer bei Vermummten sicher. Er zeigte sich überzeugt, Bilder wie aus Paris und Mailand verhindert zu haben. In Hamburg brannten Barrikaden, die Polizei kesselte am Hansaplatz rund 120 Menschen ein.

In Berlin wurden 27 Beamte leicht verletzt und bis zu 56 Menschen vorübergehend festgenommen. Wichtig ist dabei ein Detail, das in vielen Berichten untergeht: Die Gewalt ging dort von einem abendlichen Zug unter dem Motto „Gen Z hat genug!“ aus, der nicht zu den Demonstrationen von Gen Z regelt gehörte.

Vertiefung: Wer trägt die Verantwortung?

Die Initiative hat sich noch am Samstagabend von jeder Form der Gewalt distanziert. Auf das, was nach dem Ende der Kundgebungen passierte, habe man keinen Einfluss gehabt, sagte ein Sprecher. Ich glaube ihm das. Trotzdem macht es sich die Bewegung damit zu leicht – dazu gleich mehr.

Die Herkunftsdebatte

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sagte der „Bild“, gewaltbereite linke Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu hätten die friedlichen Demonstrationen gekapert. Auf diesen Landfriedensbruch müssten harte Strafen folgen. Poseck sprach von etwa 100 linksextremistisch motivierten Gewalttätern und nannte die Tätergruppe überwiegend migrantisch geprägt.

Diese Debatte muss man führen dürfen, ohne Tabus, aber auch ohne Pauschalurteile. Die Festgenommenen hatten laut Poseck überwiegend die deutsche Staatsangehörigkeit. Und laut dpa waren auch unter den friedlichen Teilnehmern viele migrantische Jugendliche. Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef brachte es auf den Punkt: Ihm sei egal, welchen Pass jemand habe – wer Polizisten angreife, müsse die Konsequenzen tragen.

Die Reaktionen der Parteien zeigen, wie politisch aufgeladen die Debatte ist. Die AfD im hessischen Landtag warf Poseck vor, „französische Verhältnisse“ nicht verhindert zu haben. Die Linke-Vorsitzende Ines Schwerdtner hielt dagegen, weder die Bezahlbarkeitskrise noch der Sozialabbau verschwänden, weil kleine Gruppen danach randaliert hätten. Beide Positionen sagen viel über die Absender.

Genau das ist für mich der richtige Maßstab. Entscheidend ist die Tat, nicht die Herkunft. Wer plündert und Brandsätze wirft, gehört vor Gericht, egal ob er aus der linksextremen Szene, aus dem Frankfurter Umland oder von sonst woher kommt.

Die berechtigte Kritik an der Initiative

Es gibt allerdings Einwände, die ich ausdrücklich ernst nehme. Die Bundesschülerkonferenz distanzierte sich schon vor dem Samstag von Gen Z regelt und verwies auf unklare Organisationsstrukturen. Die taz beschrieb in Berlin, wie die neue Initiative auf bestehende linksradikale Strukturen trifft.

Einem Bericht aus Sachsen zufolge gilt die Gruppe ausdrücklich nicht als extremistisch und ist kein Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes. Zugleich hieß es dort, Extremisten könnten ihre Themen für eigene Zwecke nutzen. Diese Warnung hat sich in Frankfurt zumindest teilweise bewahrheitet.

Gleichzeitig verstehe ich, warum so viele junge Menschen trotzdem mitgelaufen sind. Wer in einem maroden Klassenzimmer sitzt, keine bezahlbare Wohnung findet und über die Wehrpflicht in den Nachrichten liest, sucht ein Ventil. Eine neue Initiative ohne Vorgeschichte wirkt da glaubwürdiger als jede Partei. Das ist ihre Stärke und zugleich ihr Risiko.

Drei Punkte sollte die Initiative deshalb jetzt angehen:

  • Transparenz: Wer organisiert, wer spricht, wer finanziert? Eine Bewegung, die mehr Mitsprache fordert, muss selbst nachvollziehbar sein.
  • Klare Abgrenzung: Distanzierungen nach der Gewalt reichen nicht. Ordner, feste Endzeiten und die Zusammenarbeit mit der Polizei gehören vor die nächste Demo.
  • Konkrete Forderungen: „Mehr Geld für Schulen“ ist richtig, aber vage. Wer gehört werden will, sollte sagen, wo genau und in welcher Höhe.

Ein Blick nach Frankreich

Wie schnell solche Proteste kippen können, zeigt das Nachbarland. In Frankreich demonstrierten am Samstag laut Innenministerium 320.000 Menschen, nach mehr als einer halben Million am 17. Oktober, als es landesweit zu schweren Krawallen kam. Innenminister Laurent Nuñez nannte einen Molotowcocktail-Angriff auf einen Polizisten in Paris versuchten Mord. Die Behörden meldeten 779 Festnahmen, wie unser Überblick zu den Protesten in Europa zeigt.

Auch in der Schweiz, in Albanien und in Portugal kam es laut dpa am Wochenende zu Ausschreitungen. In Tirana demonstrierten Schüler und Studierende bereits den 19. Tag in Folge für mehr Geld für Schulen und Universitäten. Die Themen ähneln sich von Land zu Land auffallend, die Wut der Jugend auch.

Deutschland ist nicht Frankreich, und ich halte Vergleiche mit französischen Verhältnissen für verfrüht. Aber die Lehre aus Paris ist klar: Je länger die Politik nur über Gewalt spricht und nicht über die Ursachen, desto größer wird der Raum für jene, die nur Gewalt wollen.

Fazit: Harte Strafen und echte Antworten für Gen Z regelt

Es gibt erste gute Signale. Bundesbildungsministerin Karin Prien verurteilte die Krawalle, nannte die Anliegen der Jugendlichen aber „berechtigt und überaus relevant“ und kündigte Gespräche an. Die SPD forderte einen nationalen Bildungsgipfel. Grünen-Chefin Franziska Brantner sagte, Gewalt schade dem berechtigten Anliegen der vielen Friedlichen.

Das ist der richtige Ton. Ich wünsche mir, dass er auch dann noch gilt, wenn die Bilder aus Frankfurt aus den Nachrichten verschwunden sind. Ein Bildungsgipfel, bei dem junge Menschen selbst mit am Tisch sitzen, wäre ein Anfang.

Dazu gehört auch Ehrlichkeit über Zielkonflikte. Mehr Geld für Schulen, keine Wehrpflicht und spürbare Entlastungen lassen sich nicht alle gleichzeitig zum Nulltarif erfüllen. Diese Abwägung offen mit den Jugendlichen zu führen, wäre respektvoller als jedes Schulterklopfen.

Was jetzt passieren muss

Die Initiative will ihre Proteste fortsetzen und blickt auf europaweite Aktionen am 20. November. Die Gewerkschaft der Polizei hält laut dpa keine Änderungen am Vorgehen für nötig. Ich sehe das ähnlich: Die Polizei hat Schlimmeres verhindert. Jetzt sind Justiz und Politik gefordert.

Die Aufarbeitung läuft bereits. In Frankfurt stellte die Polizei nach eigenen Angaben 87 Strafanzeigen und rief Zeugen auf, Fotos und Videos hochzuladen. Bundesweit gab es laut dpa mindestens 250 Festnahmen und Hunderte Ermittlungsverfahren. Schnelle Verfahren schrecken mehr ab als harte Worte.

Für den 20. November ruft auch ein Bündnis mit der Bundesschülerkonferenz zu einem „Internationalen Jugendstreiktag“ auf. Spätestens dann wird sich zeigen, ob aus dem Samstag gelernt wurde – auf der Straße und in der Politik.

Mein Fazit: Wer in Frankfurt geplündert hat, muss schnell und spürbar bestraft werden. Aber wer am Nachmittag friedlich für bessere Schulen demonstriert hat, darf nicht in Sippenhaft genommen werden. Eine Demokratie, die nur auf Krawalle reagiert, bringt jungen Menschen das Falsche bei.

Gen Z regelt hat versprochen, friedlich zu bleiben. Die Politik sollte versprechen, zuzuhören. Erst wenn beide Seiten Wort halten, verliert die Gewalt der wenigen endgültig ihre Bühne.