PERSPEKTIVEN · Diese Kolumne gibt die Ansichten des Autors wieder.
Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) kürzt die Nahrungshilfe im Gazastreifen, weil Finanzmittel fehlen. Wie die Organisation am Montag, 19. Oktober, mitteilte, sinkt die Zahl der unterstützten Menschen von 1,6 auf 1,1 Millionen. Die Einschnitte greifen kurz vor dem Winter, zwei Drittel der 2,1 Millionen Einwohner sind auf Hilfe angewiesen.
Vor einem Jahr vereinbarten Hamas und Israel eine Waffenruhe. Dennoch kommt es immer wieder zu tödlichen israelischen Angriffen, und die humanitäre Lage bleibt schwierig.
Hintergrund: Lage in Gaza trotz Waffenruhe schwierig
Die Märkte sind zwar gut gefüllt, doch mehr als 80 Prozent der Menschen sind arbeitslos und können sich kaum etwas leisten. Fast die gesamte Bevölkerung ist vertrieben. Kochgas ist knapp: Demselben WFP-Bericht zufolge war im Februar nur rund ein Fünftel des Bedarfs gedeckt. Viele Familien verbrennen deshalb Pappe und Plastik, um Essen zuzubereiten.
Ein Wiederaufbau hat nicht begonnen, und Israel kontrolliert streng, welche Waren einreisen dürfen: Die Einfuhr zahlreicher Güter, die es als „Dual-Use“ einstuft, ist beschränkt, wie die israelische Menschenrechtsorganisation Gisha dokumentiert. Warum der Gaza-Plan stockt, lesen Sie in unserem Überblick zu einem Jahr Waffenruhe.
Nahrungshilfe im Gazastreifen: Die Kürzungen im Überblick
Das WFP nennt fehlendes Geld als Grund. Der Bedarf sei nicht gesunken, und der Zugang sei gegeben, sagte der Palästina-Direktor der Organisation, Shaun Hughes, der BBC. Für ihre Palästina-Einsätze erhielt die Agentur 2026 weniger als die Hälfte der früheren Mittel. Für die kommenden sechs Monate benötigt sie nach eigenen Angaben dringend 450 Millionen US-Dollar. Das ändert sich nach Angaben des WFP konkret:
Mehrere Betroffene schilderten der BBC, dass die Hilfe schon bisher nicht gereicht habe. Mervat al-Satari, eine vertriebene Mutter von fünf Kindern im Lager al-Mawasi, bezeichnete die Kürzungen als Katastrophe. Sawsan Bahloul, ebenfalls aus al-Mawasi, sagte, die Portionen der Gemeinschaftsküche seien zu klein für ihre Familie.
Dalal al-Dahdouh lebt mit ihrer achtköpfigen Familie in den Ruinen ihres Hauses in Gaza-Stadt. Mehl und Lebensmittelkisten reichten nicht aus, sagt sie. Hughes erklärte, die Kürzungen verschärften eine Not, die die Familien seit drei Jahren erlebten.
Ausblick: Teile der Hilfe laufen weiter, das Risiko bleibt
Nicht alle Bereiche der Nahrungshilfe im Gazastreifen sind betroffen: Das WFP unterstützt nach eigenen Angaben weiterhin Bäckereien, die ein Drittel des Brotbedarfs decken, sowie rund 300.000 Frauen und Kinder mit Ernährungshilfe. Etwa 200.000 Kinder erhalten gesunde Snacks.
Die Lage bleibt nach Einschätzung der Expertengruppe IPC fragil: Weitere Kürzungen könnten sie rasch verschlechtern. Von Juli bis Dezember 2026 droht laut IPC rund 1,4 Millionen Menschen, zwei Dritteln der Bevölkerung, eine Krise oder Schlimmeres.
Im Westjordanland unterstützt das WFP weiter etwa 200.000 Palästinenser, hat die Zahl der Empfänger im September aber halbiert. Die Organisation führt die wachsende Ernährungsunsicherheit dort vor allem auf zunehmende Siedlergewalt und Vertreibung zurück. In Israel wird derweil am 27. Oktober ein neues Parlament gewählt (siehe Trump spricht Wahlempfehlung für Netanjahu aus).
