PERSPEKTIVEN · Diese Kolumne gibt die Ansichten des Autors wieder.
Die Waffenruhe in Oleschky hat Hunderte Menschen aus einer hungernden Stadt geholt – über einen absurden Umweg durch Russland und Belarus. Ich halte diese Rettung für den wichtigsten humanitären Erfolg dieses Herbstes. Gerade deshalb darf sie kein Einzelfall bleiben, auch wenn ihr Preis unbequem ist.
Am Samstag, dem 31. Oktober 2026, haben Evakuierte aus dem russisch besetzten Oleschky im Gebiet Tschernihiw die ukrainische Grenze überquert. Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte die Ankunft und dankte der US-First-Lady Melania Trump für ihre Vermittlung. Hinter den Menschen lag laut Kyiv Independent eine rund 19 Stunden lange Reise. Wie viele es genau waren, haben beide Seiten nicht bekanntgegeben.
Berichte von der Grenze beschreiben bewegende Szenen: Angehörige, Sanitäter, Hilfsorganisationen und viele Haustiere. CNN erzählt von einem Ehepaar, das sich nach 1.711 Tagen wiedersah. Dem ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Dmytro Lubinez zufolge ist die älteste evakuierte Person 94 Jahre alt, das jüngste Kind etwas über ein Jahr. Für mich sind diese Zahlen das stärkste Argument.
Sicher ist nur eines: Die Zahl ist nicht klein. Melania Trump hatte laut Al Jazeera erklärt, der Konvoi könne mehr als 750 Menschen sicher herausbringen. Nach Beobachtung eines dpa-Reporters entschieden sich deutlich mehr Bewohner für die Ukraine als für Russland. Für mich ist das eine Abstimmung mit den Füßen, die man nicht überhören sollte.
Hintergrund: Warum die Waffenruhe in Oleschky so spät kam
Oleschky liegt am Südufer des Dnipro, direkt gegenüber der ukrainisch kontrollierten Stadt Cherson. Vor dem Krieg lebten dort rund 24.000 Menschen, russische Truppen nahmen die Stadt in den ersten Kriegstagen 2022 ein. Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms 2023 überflutete ganze Viertel und zerstörte die Infrastruktur. Zuletzt lebten nach Angaben des ukrainischen Außenministeriums nur noch etwa 2.000 Menschen in der Stadt.
Seit dem Frühjahr kam kaum noch etwas durch. Nach Angaben der ukrainischen Militärverwaltung erreichte die letzte offizielle Lebensmittellieferung die Stadt am 26. Mai. Minen und Drohnen machten jeden Transport lebensgefährlich. Bewohner berichteten, sie hätten Unkraut gegessen, um zu überleben. Eine Frau lief nach Angaben der Nachrichtenagentur AP rund 20 Kilometer über eine teilweise verminte Straße, um zu entkommen.
Die Ukraine versuchte, mit Drohnen Lebensmittel abzuwerfen. Nach ukrainischen Angaben brachte die größte dieser Aktionen vier Tonnen in die Stadt, doch vieles kam nicht bei den Menschen an. Viele Drohnen wurden laut dpa von russischen Truppen abgeschossen. Moskau und Kiew warfen sich monatelang gegenseitig vor, die Katastrophe verursacht zu haben. Ich halte diesen Streit für zweitrangig, solange Menschen hungern.
Laut der katalanischen Zeitung Ara hatte die Ukraine mehrfach eine Feuerpause vorgeschlagen, der Kreml lehnte ab. Erst nach Vermittlung des Weißen Hauses und einem Appell von Papst Leo XIV. bei Wladimir Putin trat am Dienstag, dem 27. Oktober, eine örtlich begrenzte Waffenruhe in Kraft. Wie die Hilfsaktion begann, lesen Sie in unserem Bericht zum Start der Feuerpause für Oleschky.
Ein Umweg über drei Länder
Wer verstehen will, wie festgefahren dieser Krieg ist, sollte sich die Route ansehen. Die Busse fuhren am Freitag zunächst ins besetzte Armjansk auf der Krim, wo die Menschen zwischen Russland und der Ukraine wählen konnten. Danach ging es nach Anapa in Südrussland, von dort mit vier Flugzeugen ins belarussische Gomel und schließlich mit Bussen über die Grenze.
Ein direkter Weg kam nicht infrage: Über die Front und den verminten Fluss war Oleschky nicht erreichbar, erklärte das Büro des Ombudsmanns. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums flogen die Menschen in russischen Militärmaschinen, wie unser Bericht über die Rückkehr der Evakuierten zusammenfasst.
Wie gefährlich der Weg auf eigene Faust war, zeigt ein Mann, der drei Wochen vor der Waffenruhe floh. Er erzählte der BBC, er sei 24 Kilometer durch Minenfelder gelaufen [BBC-LINK]. Andere hatten weniger Glück.
Ich finde diesen Umweg bezeichnend. Zwischen Oleschky und Cherson liegen ein Fluss und eine Frontlinie. Für die Rettung brauchte es trotzdem drei Staaten, Flugzeuge und die Zustimmung beider Kriegsparteien. Dass es gelang, zeigt aber auch: Wo politischer Wille da ist, lassen sich selbst absurde Hürden überwinden.
Vertiefung: Der unbequeme Preis der Rettung
Ich will die Einwände gegen diese Aktion nicht kleinreden, denn sie wiegen schwer. Die Evakuierung war nur möglich, weil Lubinez eng mit seiner russischen Kollegin Jana Lantratowa zusammenarbeitete. Beide reisten gemeinsam nach Oleschky. Lubinez war damit laut Meduza der erste ukrainische Amtsträger seines Ranges, der russisch besetztes Gebiet besuchte.
Bemerkenswert ist auch, wie die Vereinbarung zustande kam. Lantratowa bestätigte, dass Melania Trump die Einigung vermittelt habe, und gab an, selbst an den Verhandlungen beteiligt gewesen zu sein. Der ukrainische Fraktionschef David Arachamija sprach von der größten Deeskalation seit 2022. Selten waren sich beide Seiten so einig.
Ein gemeinsamer Auftritt mit der Besatzungsmacht
Laut [BBC-LINK: BBC-Bericht vom 31.10.2026] reagierten manche in der Ukraine mit Abscheu darauf, Lubinez neben einer Vertreterin jener Macht zu sehen, die die Stadt verwüstet hat. Lubinez selbst sagt, gerade Lantratowas Anwesenheit habe die sichere Rückkehr ermöglicht. Ich verstehe beide Seiten. Trotzdem halte ich es für richtig, dass ein Menschenrechtsbeauftragter dorthin geht, wo Menschen hungern – auch wenn das Foto danach schmerzt.
Einen Menschenrechtsbeauftragten sollte man nicht an seinen Fotos messen, sondern an den Menschen, die er herausholt. Gemessen daran hat Lubinez in dieser Woche mehr erreicht als manches Gipfeltreffen der vergangenen Jahre. Das macht die Bilder nicht weniger bitter, aber es ordnet sie ein.
Wer politisch profitiert
Hinzu kommt die Frage, wem die Aktion nützt. Russland, das Oleschky seit 2022 hält, bietet sie nach Einschätzung von Reuters eine PR-Gelegenheit. Lantratowa sprach laut Interfax von einigen Dutzend Tonnen Hilfsgütern; ein dpa-Reporter, der an einer vom russischen Militär organisierten Pressereise teilnahm, berichtete ebenfalls von der Lieferung, wie unser Bericht zur Hilfsaktion zeigt.
Die dpa weist zudem darauf hin, dass die Aktion wenige Tage vor den US-Zwischenwahlen stattfand. Auch militärisch war die Pause nicht neutral: Beide Seiten nutzten die Zeit nach dpa-Angaben, um Truppen in der Region neu aufzustellen. Beim Räumen der Minen kamen laut Lantratowa ein russischer Soldat und ein weiterer Mensch ums Leben.
Drei Einwände, die ich ernst nehme
All das gehört zur Wahrheit über die Waffenruhe in Oleschky. Wer sie feiert, ohne diese Schattenseiten zu nennen, macht es sich zu leicht. Wer sie deshalb verwirft, macht es sich allerdings noch leichter. Drei Einwände nehme ich ausdrücklich ernst:
- Legitimation: Gemeinsame Auftritte mit Vertretern der Besatzung können als Anerkennung gedeutet werden. Diese Sorge teilen nach dem BBC-Bericht Teile der ukrainischen Öffentlichkeit.
- Intransparenz: Wie viele Menschen evakuiert wurden, haben weder Kiew noch Moskau offengelegt. Ukrainische Stellen nannten Sicherheitsgründe. Ob Russland die Menschen auf dem Weg einer Filtration unterzog, blieb laut NV zunächst offen.
- Zurückgelassene: Ein Teil der Bewohner blieb freiwillig in Oleschky. Ihre Versorgung hängt nun an Zusagen beider Seiten, die über das Ende der Waffenruhe hinaus gelten müssen.
Gerade beim dritten Punkt lohnt ein genauer Blick. Lantratowa bat öffentlich um Aufmerksamkeit für die Zurückgebliebenen und versprach, ihnen weiter zu helfen, wie unser Bericht zur Rückkehr der Evakuierten dokumentiert. Ich nehme sie beim Wort – und erwarte, dass internationale Beobachter überprüfen können, ob diese Hilfe ankommt.
Keiner dieser Einwände überzeugt mich am Ende. Die Alternative zu diesem unbequemen Kompromiss war kein besserer Kompromiss, sondern weiteres Hungern. Wie dramatisch die Lage war, zeigt die Warnung der Ärzte an der Grenze: Die Menschen müssten nach so langer Unterernährung vorsichtig wieder ans Essen gewöhnt werden.
Was die Evakuierten jetzt erwartet
Lubinez kündigte an, die Evakuierten erhielten zuerst medizinische Hilfe, danach soziale Unterstützung, Hilfe bei Dokumenten und Wohnraum. Das ist mehr als eine Formalie. Viele Menschen haben laut dpa bei der Überschwemmung 2023 ihre Papiere verloren und können nicht einmal nachweisen, dass ihre Kinder ihre Kinder sind. Die Verständigung mit den Bewohnern verlief laut Lubinez durchgehend auf Ukrainisch. Auch das sagt etwas über diese Stadt.
An der Grenze warteten nach CNN-Angaben der Direktor des Regionalkrankenhauses Tschernihiw und sein Team. Das ist der richtige Anfang. Entscheidend wird aber sein, ob diese Menschen in einem Jahr eine Wohnung, Arbeit und psychologische Betreuung haben – oder ob sie nach den Kameras vergessen werden.
Fazit: Die Waffenruhe in Oleschky muss Vorbild werden
Lubinez nennt die Feuerpause die längste, die beide Seiten seit 2022 eingehalten haben. Er hofft, dass daraus ein neuer Mechanismus für die schwersten humanitären Krisen entsteht. Ich teile diese Hoffnung. Bemerkenswert ist, dass laut dpa sogar der Kreml eine erfolgreiche Operation als mögliches Vorbild für andere Frontabschnitte bezeichnete.
Ich wünsche mir, dass auch europäische Regierungen diesen Gedanken aufgreifen. Humanitäre Korridore dürfen nicht davon abhängen, ob eine Stadt gerade zufällig internationale Schlagzeilen macht. Sie brauchen feste Ansprechpartner, klare Regeln für Minenräumung und unabhängige Beobachter, denen beide Seiten vertrauen.
Was jetzt passieren muss
Die Waffenruhe endet laut Lubinez am Sonntag, dem 1. November, um 22.59 Uhr Ortszeit. Danach dürften die Angriffe weitergehen. Selenskyj hofft öffentlich, dass der humanitäre Zugang nach Oleschky offen bleibt. Daran wird sich messen lassen, ob diese Aktion mehr war als ein Fototermin.
Scheitern Hilfskonvois schon in der kommenden Woche wieder an Minen und Drohnen, bleibt die Rettung ein Ausnahmemoment. Bleibt der Zugang offen, kann daraus ein Modell für Dörfer an anderen Frontabschnitten werden. Diese Entscheidung liegt nun bei Moskau und Kiew.
Melania Trump schrieb auf X, Oleschky zeige, dass man Menschlichkeit über den Krieg stellen könne. Selenskyj formulierte es nüchterner: Wo die Welt hinsehe, würden Menschen gerettet. Genau darin liegt für mich die Lehre dieser Woche.
Wir dürfen nicht erst hinsehen, wenn Menschen Unkraut essen. Die nächste humanitäre Waffenruhe sollte nicht wieder vom Engagement einer First Lady und eines Papstes abhängen, sondern von einem festen Verfahren, das beide Seiten kennen. Oleschky hat bewiesen, dass es geht. Jetzt muss es zur Regel werden.
