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Nicht nur mitschwimmen: Lipowitz und der Risiko-Plan

Montreal (dpa) –

Für Florian Lipowitz ist der Start bei der WM irgendwie auch etwas gegen die drohende Langeweile. Statt die Saison zu beenden, hat sich die deutsche Radsport-Hoffnung in der Reha gequält, um beim letzten Highlight der Saison in Montreal zu sein. «Das wäre sonst ein ganz schön langes Jahr geworden», sagte Lipowitz der Deutschen Presse-Agentur. «Ich brauchte ein Ziel, aus dem ich Motivation ziehen konnte. Das hat mir die Reha erleichtert.»

Durch die Abwesenheit von Titelverteidiger Tadej Pogacar ist das Rennen in Kanada offen wie lange nicht. Vor dem Sturz samt Saison-Aus des Slowenen freundete sich der Rest der Elite damit an, wohl nur um Platz zwei zu fahren. Nun denken viele an ihre Siegchance. Lipowitz hat dabei ganz andere Gedanken.

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Vor ziemlich genau zwei Monaten knallte er im Zeitfahren der Tour de France in einer Rechtskurve auf den Asphalt. Schlüsselbeinbruch, Operation, zwei Wochen absolute Bettruhe. Doch nun ist der 26-Jährige da, sitzt gut gelaunt mit Blick auf den mächtigen Sankt-Lorenz-Strom im Teamhotel und ordnet seine Chancen ein. «Ich habe versucht, in der bestmöglichen Form zu sein. Es wird sicher nicht für ein super gutes Ergebnis reichen», sagte Lipowitz und fügte hinzu: «Aber die WM ist speziell. Da kann viel passieren.»

Lipowitz‘ Formkurve

Es ist nicht so, dass die über 270 Kilometer mit den schweren Schlussrunden am Mont Royal einem Fahrer wie Lipowitz nicht liegen. Aber letztlich dürfte ihm noch die Explosivität fehlen, um am Ende wirklich vorn dabei zu sein. Intern sieht man seine Form bei etwa 80 Prozent. Bei drei Starts in Italien hat Lipowitz versucht, sich Rennhärte zu holen. «Was die Intensität angeht, hat mir das gutgetan», berichtete er.

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Hinzu kommt Lipowitz‘ Bilanz bei Eintagesrennen, die als ausgemachter Rundfahrer eher bescheiden ist. Das hat den einfachen Grund, dass er diese kaum bestreitet. Bei den Klassikern stand er 2024 einmal bei der Lombardei-Rundfahrt am Start und beendete das Rennen nicht. Für die deutsche Mannschaft ist der Start ihres Stars allerdings wertvoll. «Der Name Lipowitz scheint über allem», sagte Bundestrainer Jens Zemke.

Chaos ohne Funk?

Der 59-Jährige wird Nico Denz im Rennen für Lipowitz abstellen, der könne «sein Bodyguard» sein. Die Präsenz des ehemaligen Tour-Dritten sorgt aber auch dafür, dass die Konkurrenz nicht so auf die anderen Fahrer schaut. Für den deutschen Meister Felix Engelhardt oder den zuletzt formstarken Marco Brenner könnten sich somit Chancen ergeben. Engelhardt erwartet ein «hartes, ehrliches Ausscheidungsrennen».

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Es ist bereits sechs Jahre her, dass ein Deutscher bei der WM unter die besten Zehn gefahren ist. Maximilian Schachmann hatte 2020 in Imola Platz neun belegt. In Montreal weiß der Routinier, auf was es ankommen wird. «Auf dem Kurs braucht man gute Beine. Das sind schon mal 80 Prozent. Die restlichen 20 Prozent sind Taktik», erklärte der 32-Jährige.

Da bei der WM kein Funk erlaubt ist, spielen Erfahrung und Gespür eine große Rolle. «Und bei dem Kurs ist es wichtig, dass man aggressiv fährt, mit den Ellbogen ausgefahren. Die Position ist wichtig, man darf nicht schlafen», sagte Schachmann. Und ohne Funk, betonte der Bundestrainer, könne es ein chaotisches Rennen werden.

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Gold-Favorit aus Frankreich

Zemke fordert zudem, sich nicht zu verstecken. Man wolle nicht mitschwimmen, sondern Akzente setzen. Lieber für den großen Wurf ein Risiko eingehen, als auf ein sicheres Ergebnis zu fahren. «Wenn wir in der Gruppe am Ende gut vertreten sind, dann lieber attackieren», sagte Zemke. Die Rollen werden am Samstagabend verteilt: «Dann müssen die Jungs ehrlich sein und sich selbst einschätzen, wozu es reicht.»

Der Titel wird es eher nicht. Das käme einer Sensation gleich. Denn die Konkurrenz ist ebenso stark wie zahlreich. Da ist der junge Paul Seixas, der die volle Unterstützung des französischen Teams hat. Neben Zeitfahr-Weltmeister Remco Evenepoel hat der 19-Jährige wohl die besten Chancen auf Gold. Doch auch der Mexikaner Isaac Del Toro, der Niederländer Mathieu van der Poel und Evenepoels belgischer Landsmann Wout van Aert wollen und können am Ende mit einer Goldmedaille um den Hals auf der Avenue du Parc jubeln.