Über den Einfluss sozialer Medien auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wird derzeit intensiv diskutiert. Auch ein Social-Media-Verbot für Minderjährige steht im Raum, Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich offen dafür gezeigt.
Für Familien kann die politische Debatte ein guter Einstieg sein, um das Thema neu aufzugreifen, sagt Florian Buschmann, Experte für Medienkompetenz und Berater bei Mediensucht. Wichtig sei jedoch, «nicht mit Druck in die Konversation zu starten». Stattdessen könne ein lockerer Einstieg helfen, etwa: «Hey, guck mal, das und das ist mir aufgefallen in der Berichterstattung. Wie siehst du das denn?»
Wichtig sei zu verstehen, warum Einschränkungen sozialer Medien für Minderjährige überhaupt debattiert werden. «Kinder und Jugendliche haben gar nicht die kognitiven Fähigkeiten, die Medien adäquat selbstreguliert und in einem gesunden Rahmen zu nutzen», sagt Buschmann.
Fähigkeiten wie Prioritätensetzung, Selbstreflexion und Impulskontrolle entwickelten sich erst im Laufe des Erwachsenwerdens. Für viele Kinder sei es deshalb «eine absolute Überforderung», wenn es heiße: «Steuere das mal komplett selbst.»
Weniger predigen, mehr fragen
Ein alleiniges Verbot sozialer Medien auf politischer Ebene hält Buschmann allerdings für wenig zielführend. Jugendliche würden schnell Wege finden, die technischen Schranken zu umgehen.
«Ganz unabhängig, ob jetzt ein Verbot kommt oder nicht, darf man natürlich Familienregeln etablieren», so Buschmann. Entscheidend sei dabei die Haltung: weniger predigen, mehr fragen. Zum Beispiel: «Hey, was nervt dich selbst denn so auf Social Media?» Oder: «Wann merkst du, dass es dir guttut? Und wann kippt das Ganze?» Und: «Was wäre denn für dich hilfreich, wie können wir dich bei deiner Nutzung begleiten, damit das besser funktioniert?»
Gemeinsame Experimente statt harter Verbote
In vielen Familien sei nicht allein die Medienzeit das Problem, sondern die Art, wie darüber gesprochen werde. Eltern, die bei dem Thema nur noch Stress empfinden, empfiehlt der Experte erst mal durchzuatmen. Es könne helfen, «vielleicht mal eine Woche gar nicht über das Thema zu reden», und dann einen neuen Anlauf zu nehmen.
Sinnvoll seien niedrigschwellige Ansätze statt harter Verbote. So könne die Familie gemeinsam auf die tägliche Medienzeit schauen – ohne Vorwürfe. Auch kleine Experimente könnten Druck herausnehmen, etwa: «Wir schalten als Familie sieben Tage die Push-Benachrichtigungen für soziale Medien aus.» Anschließend lasse sich gemeinsam reflektieren: «Was hat sich für uns verändert? Wie hat sich das auf Stimmung, Stress, Fokus ausgewirkt?»
Ein abruptes Verbot hingegen schaffe oft ein «Vakuum», das schwer zu füllen sei. Sinnvoller sei «eine langsame, stetige Veränderung», die langfristig wirke.
Wichtig: Damit Regeln akzeptiert werden, müssten Eltern auch das eigene Verhalten kritisch prüfen. «Wenn wir bei Kindern anfangen, sollten wir immer auch bei uns anfangen», sagt Buschmann. Es gehe um die Vorbildrolle.
Bei «Dopaminalternativen» unterstützen
Wenn Medienzeiten sinken, entstehe freie Zeit – und «einige Jugendliche haben tatsächlich gar nicht mehr gelernt, mit freier Zeit umzugehen», so Buschmann. Eltern könnten hier begleiten und attraktive Alternativen schaffen. «Dopaminalternativen», wie der Experte sagt, also Aktivitäten, «die auch einen kleinen Kick geben und Spaß machen».
Zur Person: Florian Buschmann ist Experte für Medienkompetenz und Berater bei Mediensucht. Mit der von ihm gegründeten Initiative «Offline Helden» führen er und sein Team Schulveranstaltungen zur Prävention von Mediensucht durch. Zudem begleitet er betroffene Familien, deren Kinder eine kritische Mediennutzung zeigen.
