Der Tora-Schrein aus der Kleinen Synagoge in Würzburg (Mitte 18. Jahrhundert) in der Ausstellung «1700 Jahre jüdisches Lebens in Deutschland» in Köln. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Rolf Vennenbernd/dpa)

Ein kunstvoll gearbeiteter Tora-Schrein aus der Rokokozeit – mit brutal zerschlagenen Türen. In diesem Ausstellungsstück spiegelt sich die ganze Ambivalenz jüdischen Lebens in Deutschland.

Einerseits ist der Schrein mit seinen verspielten Verzierungen immer noch ein Schmuckstück, er zeugt vom Beitrag jüdischer Bürgerinnen und Bürger zur deutschen Kultur und Geschichte. Die Beschädigungen stammen von den Novemberpogromen des Jahres 1938, als SA-und SS-Männer in die Kleine Synagoge von Würzburg eindrangen, auf den Schrein einschlugen und die Tora-Rollen anzündeten.

Der Schrein steht derzeit in einer großen Ausstellung zum Festjahr «1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland» im Kölner Museum Kolumba. Köln ist insofern der perfekte Ort für die Ausstellung, als das ganze Jubiläum mit dieser Stadt verknüpft ist: Im Jahr 321 erlaubte der römische Kaiser Konstantin in einem Dekret die Berufung von Juden in den Kölner Stadtrat. Weil dieses Dekret erhalten ist, weiß man, dass in Köln damals schon eine jüdische Gemeinde existierte. Es ist damit die älteste nördlich der Alpen.

Die Urkunde mit dem Dekret ist ebenfalls ausgestellt. Die Vatikanische Bibliothek hat sie ausgeliehen, was – so heißt es zumindest – so gut wie nie vorkommt. Allerdings muss man sich beeilen, wenn man die schnörkeligen Buchstaben auf vergilbtem Untergrund sehen will: Das Dekret bleibt nur bis zum 11. Oktober, wohingegen die Ausstellung fast ein ganzes Jahr zu sehen sein wird, bis Mitte August nächsten Jahres.

Sie lohnt den Besuch mit Sicherheit auch noch nach dem 11. Oktober. Andere, weniger prominente Ausstellungsstücke werden die einzelne Besucherin, den einzelnen Besucher womöglich sogar viel direkter ansprechen.

Da ist zum Beispiel ein ganz kleiner, handgeschriebener, zerfledderter Brief. Geschrieben hat ihn der 19 Jahre alte Schmuel Doderer an seine Eltern, und zwar am 15. November 1807. Auf Deutsch in hebräischen Buchstaben erzählt er ihnen vom harten Leben in einem Napoleonischen Militärlager. Er war eingezogen worden, denn die linksrheinischen Gebiete gehörten damals zu Frankreich. «Hier könnt ihr mich sehen, wie ich gekleidet bin, und da könnt ihr unser Zelt sehen, wo wir drinnen sein», schreibt er. Dazu hat er eine farbige Zeichnung angefertigt, die ihn mit einer Art Bärenfellmütze zeigt, in der rechten Hand keine Waffe, sondern einen Blumenstrauß, den er den Eltern entgegenstreckt. Eine Zeichnung, die einem die Kehle zuschnürt. Was aus ihm geworden ist? Man weiß es nicht, Schmuel hat keine weiteren Spuren hinterlassen. Nur dieses Briefchen hat sich erhalten.

Es entspricht der Handschrift von Kolumba – des Kunstmuseums des Erzbistums Köln – den Besuchern möglichst wenig vorzugeben. Keine erklärenden Texttafeln, keine Zeitleisten. Aber es gibt ein kleines blaues Buch, das jede Besucherin, jeder Besucher in die Hand gedrückt bekommt. Mit diesem Büchlein kann man sich die Ausstellung erschließen. Wenn man will. Es ist unmöglich, alles zu betrachten – dazu wurde hier viel zu viel zusammengetragen. Vielmehr ist man aufgefordert, auf Entdeckungstour zu gehen. Je nachdem auf was man sich einlässt, erschließt man sich seine eigene, ganz persönliche Ausstellung.

Da ist zum Beispiel eine Beschneidungsbank aus Südhessen von etwa 1750. Auf der einen Seite der Bank nahm der Pate mit dem acht Jahre alten Jungen Platz. Damit war die Bank aber erst zur Hälfte ausgefüllt. Für wen ist der zweite Platz? Der ist für den Propheten Elias, der das Kind vor Gefahren schützt.

In einem Raum sind Schachteln aufeinandergestapelt. Diese Schachteln enthalten abgenutzte oder beschädigte Schriftstücke religiösen Inhalts. Seit der Spätantike ist es im Judentum Sitte, solche Gegenstände, die nicht mehr verwendet werden können, nicht etwa wegzuwerfen, sondern aufzuheben. Nicht um sie zu archivieren, zu konservieren oder gar wiederherzustellen. Sondern einzig und allein, um die heiligen Schriften mit dem Namen Gottes vor Entweihung zu schützen.

Raum 11 vereint Funde aus dem mittelalterlichen jüdischen Viertel von Köln, damals die größte Stadt in deutschen Landen. Lange Zeit waren die Juden hier trotz vieler Beschränkungen einfach Kölner unter Kölnern. Sie folgten den gängigen Moden – davon zeugen Schmuckspangen, Gürtelschnallen, Nadeln, Schellen und Fingerringe. Sie hatten Spaß – das zeigen Würfel, Spielsteine, Murmeln, Spielzeugritter und kleine Flöten aus Tierknochen. Wenn man diese Dinge betrachtet, dann mag man sich ihren einstigen Besitzern wie durch unsichtbare Fäden verbunden fühlen. Das Judenviertel wurde 1349 zerstört, seine Bewohner ermordet. Sie wurden beschuldigt, Erzeuger der Pest zu sein, die sich von Süden her auf Köln zubewegte.

So geht man immer weiter, von Raum zu Raum. Eine würdige Ausstellung zu diesem sehr besonderen Anlass.

Von Christoph Driessen, dpa

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